Stille Gewalt

Wenn ich sage, dass ich in meinem Leben sehr viel Gewalt erlebt habe, hat man die schlimmsten Dinge im Kopf: Grün und blau geschlagen, eingesperrt usw.
Es gibt aber die leise Gewalt, die umso zerstörender wirkt, weil nicht sichtbar und man somit eher an sich zweifelt (ich bin halt nur empfindlich, eigentlich hat er ja nichts gemacht).


Wenn ich sage, dass meine Mutter Alkoholikerin ist, hat man auch hier die schlimmsten Bilder im Kopf: Vermüllte Wohnung, dreckige Kleidung, Hunger, usw. auch das war nicht so, sie war halt „nur“ nicht emotional DA. Aber das ist ein anderes Thema.


Zurück zur Gewalt. Zur leisen. Sie ist psychisch: Verhöhnen, demütigen, auslachen (natürlich immer ohne Zeugen), in der Not nicht helfen, trösten, das Kind somit gnadenlos überfordern, ihm die Verantwortung überlassen…
Später in der „Partnerschaft“ ging es weiter mit sozial isolieren, extremer Kontrolle (sogar der Toilettenbesuch wurde kommentiert oder beobachtet, jaaa durchs Schlüsselloch), abwerten, Geld abnehmen (natürlich gut gemeint, weil er dass dann aufs Urlaubskonto einzahlt-haha) usw.

Das war jetzt nur eine kleine Auswahl, ich mag jetzt nicht alles breit treten wie noch Mobbing in der Schule usw.


Und dann beim nächsten Partner eine Steigerung: die sexuelle Gewalt. Aber auch hier, nicht das was man denkt: das grobe vergewaltigen oder so…nein. ER bediente sich halt nur in jeder gemeinsamen Nacht im Schlaf an mir (Jahre später erfuhr ich, dass das auch Vergewaltigung ist!). Das war unsere Beziehung. Keine Gemeinsamkeiten, keine Unternehmungen, keine wirklichen Gespräche, keine Nähe (im übrigen war der Kerl erst 5 Jahre bei der Bundeswehr und ging danach zur Polizei würg). Eiskaltes benutzen: Du bist für die Befriedigung meiner Bedürfnisse da. Zu nichts anderem. Das ist deine Lebensberechtigung. Das hatte ich ja schon im Elternhaus gelernt, das ich kein ICH zu haben habe.


Es ging weiter in die Prostitution (irgendwie eine logische Folge von der ganzen Vorarbeit die da geleistet wurde, ich hatte weder meine Grenzen/Wünsche im Blick, noch ein Selbstvertrauen oder gar ein Selbstwertgefühl.)
Aber auch hier: Leise Gewalt. Kein Zuhälter, keine Zwangsprostitution, kein Straßenstrich, keine 15 Stunden-Schicht im anonymen Bordell. Ich wurde so „gut drauf vorbereitet“ dass ich von ganz alleine nun die Gewalt an mir selbst ausübte. Ich hatte 30 Jahre lang vorher die Bedürfnisse der anderen befriedigt, warum sollte ich das jetzt nicht einfach weiter machen und wenigstens Geld dafür bekommen? (im übrigen bezahlte mich mein Vater auch, es war nur als „Hilfe“ deklariert, weil er mich erst so klein machte das ich mir nichts mehr zutraute, dadurch ständig arbeitslos war und dann kam er als Retter ins Bild und gab mir ganz gönnerhaft eine EC-Karte-doppelwürg).
Ich verdrängte, dass ich die Vergewaltigungen weiter zuließ.


Ich wußte wie man Gemütlichkeit herstellt, wie man jemandem das Gefühl gibt, das er toll ist, ich las die Wünsche an deren Augen ab, bevor sie selbst überhaupt merkten was sie wollen (gelernt ist halt gelernt). Ich war verständnisvoll, stilvoll gekleidet, hatte Interesse an den Freiern (Interesse an mir wäre mal angebrachter gewesen, aber immer verboten: Der andere ist IMMER wichtiger als ich), dezent geschminkt, die nette Frau von nebenan, die nicht zickig war, die dem Kerl umgarnte und lobte, die nachfragte wie der Urlaub war. Die, die sich selbst einredete das freiwillig zu machen. Die sich benutzen ließ. So wie sie seit ihrer Kindheit benutzt wurde. Es war Normalität.


Dadurch dass das alles so „sanft und leise“ ablief, war es weniger spürbar. Es tat weniger weh. Ungute Bauchgefühle kann man eher ignorieren und verstecken als ein blaues Auge. Nur irgendwann ist das Fass der Ignoranz voll und es kommen so seltsame Symptome daher wie: totale Erschöpfung, Panikattacken (wie ich dann heraus fand meistens bei Menschen mit Täterstrukturen und da ist es höchst gefährlich diese Warnhinweise mit Tavor zu unterdrücken!!! Das ist lebensgefährlich!!!), Antriebslosigkeit, Suizidgedanken usw.


Manchmal, wenn ich solch toxischen Menschen begegne kann ich rechtzeitig Reißaus nehmen. Nicht antworten, löschen, blocken. Manchmal ist die Sehnsucht nach dem Bekannten und „wenn ich mich jetzt endlich mal richtig verhalte ist derjenige doch noch lieb und nett und fürsorglich zu mir, dann kann ich auch all den alten Schmerz heilen!“ so groß, dass mich solche Menschen anziehen wie ein Magnet (oder besser: wie Scheiße die Fliegen). Ich begebe mich wie hypnotisiert wieder in den Strudel der Verwirrung (Gaslighting), des abscannens (mal sehen bei welchen Sprüchen sie zusammen zuckt, da setze ich dann den Hebel an), des abwertens (ganz nebenbei mit freundlicher Stimmung einen gehässigen Kommentar fallen lassen), des beleidigt seins, wenn es nicht so läuft wie derjenige will…usw. Die ganze Palette des narzisstischen Mißbrauchs.

Aufhören mir selbst Gewalt anzutun (trotz Krankheit zum arbeiten zwingen) und aufhören Gewalt zuzulassen. Manchmal gelingt mir das eine, manchmal das andere besser. Ich übe und übe und bin wachsam und manchmal auch gnädig mit mir, wenn ich wieder in die Scheiße trete.

5 Kommentare zu „Stille Gewalt“

  1. Du könntest grad auch mich beschreiben….
    Alles zu gut bekannt.

    Ich wünsche dir von Herzen, dass Du immer weiter da raus kommst.
    Ich pers. merke, dass das geht; ganz, ganz langsam.
    Viel Kraft dir und einen scharfen Blick ❤

    Und NEIN, wir sind nicht geboren, um zu dienen.

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  2. Das tut mir sehr leid, dass du in so einem Umfeld aufgewachsen bist und dann später auch immer an die falschen Menschen geraten bist 😦
    Für mich unbegreiflich, wie man andere Menschen so behandeln kann!!

    Umso erstaunlicher, dass du dein Leben jetzt trotz Hindernisse bestreitest, auch wenn es mal nicht so klappt, was es ja auch mal darf!
    Dir alles Gute und viel Kraft!

    LG

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    1. Danke, ja irgendwoher hab ich immer wieder Kraft bezogen um den Kontakt zur Famiie abzubrechen, um bei Nacht und Nebel aus der gemeinsamen Wohnung von dem Psychopathen zu fliehen, es alleine aus der Prostitution zu schaffen….
      Wie gesagt: was man kennst…nimmt man, auch wenn es Scheiße ist. Und so Tätermenschen haben feine Antennen für die Leute mit denen sie es machen können.
      Liebe Grüße zurück 😉

      Gefällt 1 Person

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