Karoshi

2009 hatte ich auch einen Zusammenbruch. Noch ein wenig heftiger als der jetzige. Damals haute mich das doppelt um, weil a) es mir extrem schlecht ging und b) aber in einer Art und Weise wie ich es nicht kannte und c) warum? Ich liebte doch den Job (der mich aber völlig aufrieb) und d) wie komm ich da ganz schnell wieder raus?

Ich konnte nicht mehr schlafen und nichts mehr essen, ich ertrug keinerlei Reize wie Sonnenlicht, Telefonklingeln, einen Film schauen. Ich musste aber einiges klären, wie: krank melden, Auto wegbringen usw. Kein einzigster Kollege hat mal nachgefragt wie es mir geht oder warum ich so lange fehlte. Die wußten alle, dass das ein Ausbeuterjob war und keiner wollte genauer hinschauen. Waren alle ja selber am Rande des Absturzes mit 2-3 Jobs.

Karoshi, nennt man in Japan den Tod durch Überarbeitung. Also durch chronischen Streß und den habe ich auch seit Jahrzehnten, aber nicht durch Lohnarbeit, sondern wegen jahrelangen, komplexen Traumatisierungen. Auch hier gibt es keinen Feierabend, keinen Urlaub von Trauma.

Damals verstand ich die Welt nicht mehr, ich lag auf dem Rücken und mein Motor heulte noch laut, aber eben leer. Einkaufen war Schwerstarbeit, zur Post quer durchs Dorf gehen fast unmöglich. Ich war nur schlapp und kaputt. Leider kannte ich weder Tavor noch Schlafmedikamente um mich zu beruhigen und somit besser zu erholen.

8 Monate später schleppte ich mich täglich für einige Wochen in eine Trauma-Tagesklinik im besten Krankenhaus Münchens. Das war meine Rettung. Die S-Bahnfahrt war zwar sehr anstrengend und ich konnte vor lauer zittern nicht vor anderen Leuten essen (hieß: ich ging bei Minustemperaturen in den Park um mein mitgebrachtes Brot/Riegel ect. zu essen). Hier bekam mein Zustand einen Namen, hier durfte ich in meinem Tempo Dinge machen oder eben nicht. Es gab wenig Regeln, dafür viel Selbstverantwortung, nur 10 Plätze und jedes Personal war auf dem neuesten Stand der Trauma-Forschung. Ich konnte Druck und Streß raus nehmen, mich von meinem Vater distanzieren und das Arbeitsamt riet mir den Rentenantrag zu stellen, nach Rücksprache mit der Therapeutin machte ich dies auch.

Stehen und reden kostete mich weiter unheimlich Kraft. Es ging nur etappenweise: Kochen, essen, hinlegen, irgendwann abspülen, duschen, hinlegen, weiter zu Fuß gehen, schlafen. Machte ich zuviel bekam ich leicht Fieber

So ist es jetzt auch. Nur das ich mir weniger Streß mache bald wieder funktionsfähig sein zu müssen: Das finanzielle ist geregelt. Ich kenne den Mist schon, ich habe weniger Panik. Ich hole mir leichter und schneller Hilfe. Ich muss niemanden mehr was beweisen (naja manchmal schon noch. Leider weiß ich, dass es dauert bis ich wieder etwas fitter bin. Das kann schonmal nerven. Mehr wie 2 Termine pro Woche gehen nicht. Wegen starker Appetitlosigkeit und Übelkeit kann ich nur alle paar Stunden Miniportionen essen, auch das ist ok. Wenn ich nachts wach werde und nicht mehr schlafen kann, dann ist das so, entweder ich döse, höre Musik, lese, esse, meist schlafe ich dann später weiter. Hab ja keinen Streß um 6h früh total fit sein zu müssen, kann tagsüber Schlaf nachholen usw. Manchmal überkommt mich noch leichter Schüttelfrost, ich bin dann nicht mehr genervt von mir, sondern sorge für ganz viel Wärme. Ich MUSS nicht mehr. Nur atmen, ausruhen. Und wenn ich Lust habe was im Haushalt zu machen, dann mache ich es. Unperfekt. Wenn nicht, dann bleibt es halt so.

Mein Gehirn ist Brei, oft schreibe ich was auf, um dann festzustellen: das habe ich vor wenigen Stunden auch schon aufgeschrieben, ich gehe in die Küche und weiß nicht mehr was ich wollte, obwohl man angeblich immer irgendwas denkt, merke ich oft einfach eine Stille in mir (nicht unangenehm, wenn man sonst immer auf Turbo unterwegs ist), beim Scrabble aufm Handy sinkt meine Leistung rapide…

Wenn mich ein Film (eh schlecht in so einer extremen Reizüberflutung/Erschöpfung) zu sehr streßt, drücke ich auf Pause, genauso wie beim Podcast gestern. Das habe ich mir früher nicht erlaubt. Am besten geht lesen (leichte Kost) oder Podcast hören oder total einfaches Muster stricken. Also immer nur EINEN Sinn benutzen. Hören oder schauen, deswegen ist Film derzeit schlecht, außer ganz schöne Naturfilme, die heutigen Bilder und Aufnahmen sind einfach grandios!

Man sieht mir jetzt auch die Erschöpfung an. Das merke ich an den Blicken und am Verhalten der anderen, ich seh es auch selbst.

Ich nehme den Lift, obwohl ich nur im 2.Stock wohne. Ich schleichte durch die Wohnung. Wo ich früher mit 80 km/h unterwegs war sind es jetzt 20. Schnell geht nicht mehr. Viel auch nicht mehr.

Ich unterstütze meinen Körper: Antipilzmittel und Probiotika fürn Darm nach dem Antibiotika. Nehme viel Magnesium (auch über die Haut) und Gerstengras (sehr nährstoffreich), auf Alkohol, Zucker und Kaffe habe ich weiter hin keine Lust. Das zu meiden fällt mir leicht. Ich gehe täglich an die frische Luft, manchmal nur kurz, aber immerhin und lüfte viel zuhause.

Ich kann damit umgehen, ich kann es auch mehr akzeptieren wie früher, dass es mir wieder so schlecht geht.

Die Angst aber, dass es nie mehr besser wird….die bleibt.

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