Soziales

Ich falle in Bezug auf Menschen leider noch zuoft in das Muster „schwarz-weiß-Denken“. Ich habs halt gern einfach. Die Welt ist komplex und netterweise habe ich auch eine „komplexe PTBS“ und überhaupt haben wir heutzutage soviele Möglichkeiten, selbst im Lockdown, dass eine Reizüberflutung eigentlich zu meinem täglichen Geschäft gehört (und uneigentlich auch und äh ich meine nicht das was auf dem WC passiert 😉
Menschen sind komplex, vielschichtig, kompliziert, manchmal schwer einzuordnen und manchmal verhalten sie sich sogar widersprüchlich. Ach ne, da bleib ich lieber allein.
Das ist dann aber auf Dauer auch doof.

Aber es gibt ja noch weitere Muster. Eines das ich auch öfters verwende ist: Harmoniebestreben (um jeden preis, is ja klar). Nie was ansprechen was einem nicht taugt, nie mal etwas ranziger reagieren, nie mal was einfordern, nie mal Unverständnis zeigen, immer alles heitideiti. Also eine Überanpassung bis zur Selbstaufgabe (weswegen mir das Thema Autonomie so wichtig ist).Genauso anstrengend.
Das Thema MENSCH ist ein weites Lern-und Übungsfeld. Allein Nähe und Distanz füllt ganze Therapiesitzungen auf aller Welt. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich bleibe heute bei der Frage: Ist der Mensch gut oder böse? Natürlich ist er beides.

Ein paar Beispiele:
J. ist lustig und nett und wir können super zusammen unsere Freizeit gestalten, aber er trinkt täglich Alkohol und ist somit emotional oft nicht so erreichbar wie ich das manchmal gerne hätte/wünsche/brauche.
A. ist auch wie ich sehr naturverbunden und wir können super zusammen lachen, aber ich hab ihr schon sooft geholfen und zurück kam nie was (mein Teil ist, da zu überlegen: will ich wieder was geben und kann ich von ihr auch mal Hilfe einfordern?)
M-1: ist eine ganz herzliche, warme Frau und super Zuhörerin, aber etwas langsam im Kopf und wenn ich schnell rede und denke und sie nicht versteht was ich meine, kann ich da manchmal echt ungeduldig werden.
M-2: Mit ihr kann ich weinselige Abende verbringen, aber nur total oberflächliche Themen besprechen und meist hat sie immer nur dieselben auf Lager. Ihr sind perfekt gestyltes Aussehen und Klatsch-Tratsch-Zeitschriften wichtig.
P. : hat eine ähnlich schwarzhumorige Sicht auf viele Dinge des Lebens wie ich, liegen da auf einer Welle, aber sie lebt sehr dreckig, eher verwahrlost und sauft und kifft recht viel (plus zusätzliche Psychopharmaka da sie immer mal wieder schizophrene Schübe hat) und ich sehe das Wohlergehen ihrer Kinder in Gefahr.
Oder die Lärmnachbarn: die haben ganz am Anfang mir auch was zu Weihnachten rüber gebracht oder im Frühjahr mal ein Schälchen Erdbeeren oder selbstgezogenes Grünzeug vom Balkon. Und ja da ich es etwas versemmelt da für eine gute Nachbarschaftsbeziehung meinen Teil beizutragen (im nachhinein hatte ich vor dieser Nähe wohl angst). Auch als bei denen mal auf dem Balkon stundenlang das Wasser lief und wir den Hausmeister riefen, gab es als Dank eine große Pralinenschachtel für jeden. Die sind nicht nur blöd und rücksichtslos. Wie immer: alles hat zwei Seiten. Und mal schauen, ob wir vielleicht nicht doch noch gut miteinander auskommen, weil es ist doch schöner wenn man sich ehrlich freundlich grüßt, mal plaudert, Kuchen austauscht und sich nicht grämen und ärgern muss, wenn man die nur sieht…

Wie gehe ich also mit Menschen um?
Dem anderen zutrauen, dass er mit seinen Gefühlen selber klar kommt. Wenn ich also mal genervt bin und das zeige, ist das kein Mordversuch am anderen. Ich brauche andere nicht so sehr in Watte packen. Das konnte ich in letzter Zeit oft genug üben. Und wenn ich von meiner Cousine höre, dass es ihrer Mutter derzeit nicht gut geht und ob ich sie nicht mal anrufen kann, dann platzt es schonmal aus mir raus: Ej ne ich lauf grad echt emotional selber aufm Zahnfleisch rum und denke mir: außerdem hat sie mich letztens so im Regen stehen lassen, als ich sie mal gebraucht hätte…nein!
Mich zu spüren IM Kontakt, kann mein Gehirn schonmal zum rauchen bringen. Überhaupt zulassen mich zu spüren. Es gab Zeiten da merkte ich nicht, dass ich auf Toilette muss oder total durchgefroren war, nur weil ich Zeit mit einem Menschen verbrachte! Heute übe ich öfters zu sagen: lass mich mal überlegen (oder hinspüren).
Ich kann aber auch nicht verlangen, dass jeder Mensch all meine Bedürfnisse erfüllt. Und ich darf nicht so werden wie meine Eltern: so zu manipulieren, dass sich andere so verhalten, wie ICH das gerne hätte. Und auch nicht weiter Druck machen: ich kann was fragen/erbeten, aber wenn der andere da nicht mitmacht: Verantwortung für mich übernehmen und Plan B überlegen und machen. Das fühlt sich super und eigenmächtig an und ist fair dem anderen gegenüber.
Klar darf ich Grenzen ziehen, aber der andere kann auch nicht riechen, wie ich es gerne hätte, außerdem hat er seinen eigenen Kosmos um und in sich. Jeder versucht doch meistens irgendwie gut über die Runden zu kommen, glücklich zu sein und ein gutes Leben zu haben.

Bei A. is es zum Beispiel irre nervig, dass sie keine festen Termine ausmacht (das hat sie gemeinsam mit meiner Nachbarin M-2, soviel Angst vor Verbindlichkeit! Da heißt es: ja lass uns Samstag telefonieren und was ausmachen (für Samstag also den selben Tag), ruf ich Samstag an heißt es: ja muss erst noch X machen, dann Y, ich weiß nicht ob es heute klappt. Ach und ich soll jetzt zuhause hocken und warten bis Madame mal Zeit hat? das macht mich fuchsteufelswild! Dann kommt ne SMS: könnte ab halb 5. Ich schreib zurück: ok, wollen wir an xy-See? Kommt doch glatt zurück: „ich meld mich nochmal, dann können wir schauen wohin.“ ÄH? Is das von einer erwachsenen Frau zuviel verlangt einen festen Termin auszumachen? Ich wette um halb 5 kommt eine SMS: sorry bin für heute zu ko.
Früher hätte ich zuhause gewartet mit wachsender Wut im Bauch.
Heute überlege ich, gut es ist 11h vormittags, was möchte ich machen? Radl fahren. Gut, rauf aufs Radl. Wenn wir später noch spazieren gehen ok, wenn nicht schade, sollte sie absagen, war ich wenigstens draußen und habe die Verantwortung für mich übernommen. ABER das werde ich mal sanft ansprechen was sie damit für ein Problem hat.

Weiter: ich muss für mich klar machen: kann ich von der extrem oberflächlichen Nachbarin erwarten, dass sie mit mir Arthousefilme anschaut und danach mit mir darüber philosophiert? Nein, da eignen sich andere Menschen besser.
Für mich also Klarheit schaffen und auch mehr Klarheit dem anderen zeigen: ja ich bin grad schlecht drauf, oder: ich mag heute gar nicht soviel reden, oder der A. kann ich auch sagen, dass sie mir zu schnell geht und mich überhaupt nicht wahrnimmt.

Ich will auch nicht dass mich das Verhalten, mißtrauisch mit schiefen Blicken, Dreck einfach fallen lassen, unfreundlich werden usw. von diesem Ghetto hier ansteckt. Gestern schaltete ich hier im Gemeinschaftswaschraum eine Waschmaschine an, nach 1 Stunde wollte ich die fertige Wäsche holen, jedoch war meine Maschine aus, mit nassen Klamotten drin, ich konnte die Tür nicht aufmachen und auch sonst nichts verstellen. Sofort hatte ich andere in Verdacht, dass die mir die Maschine abgeschalten haben. Der Support am Telefon half mir weiter. Angeblich hätte ich die Maschine nicht angeschalten, was ich aber sicher tat, denn das Pulver für Vorwäsche war ja weg und die Wäsche innen eindeutig nass. Der Zweifel blieb, ob das die Frau war, die zur selben Zeit am Trockner hantierte und länger als ich im Raum blieb.
Ich mag auch nicht die Menschen so verurteilen die hier leben, die ihren Balkon vollmüllen, die kein deutsch können, die 5 Kinder haben und nur rumbrüllen mit denen, die alt und krank sind. Ich weiß ja selber die übel das Leben einem mitspielen kann.

Mehr auf das liebenswürdige, gute und schöne im anderen schauen. Das macht einfach glücklicher und zufriedener. Jeder hat seine Geschichte, jeder hat seine Päckchen, die meisten handeln halt wie sie es tun, man kann auch nicht über jedes Wort und jede Tat ewig drüber nachdenken.
Auch ich habe Fehler und Macken die andere nerven. Ganz ehrlich ich wünsche mir da mehr Feedback. Sonst weiß ich das ja nicht und außerdem ist es interessant zu erfahren wie andere mich sehen.
Ich habe angefangen öfters zu sagen: schön deine Stimme zu hören, danke dass du mir hilfst, mensch das war eine gute Idee von dir, das ist voll lieb von dir usw…mich zu zeigen, ja bedeutet Gefahr, lässt die anderen mich aber klarer lesen woran sie sind. Und man bekommt auch mehr Respekt, wenn man mal auf den Tisch haut und sagt: so, mit mir nicht mehr

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