Leben mit Angst


Das erstemal Angst hatte ich mit etwa 5 Jahren (auch wenn ich natürlich noch nicht wußte, dass man das Angst nennt). Ich hatte einen Fahrradunfall und lag mit gebrochener Schulter und Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Alleine in einem großen Zimmer. Mutter mußte arbeiten, Vater konnte kaum ein Krankenhaus betreten. Also sah ich nachts mit Schrecken die riesigen Schatten an den Wänden, versteckte mich hinter der Tür wenn jemand herein kam und blieb stumm stehen als man mich zu einem Mädchen (dass da auch alleine lag und nicht aufstehen durfte) in ein Zimmer stellte. Irgendwann holte man mich wieder ab. Wir hätten zusammen spielen sollen.


Dann kam ich in den Kindergarten. Der Horror für mich. Viele fremde Kinder in einem kleinen Raum. Streß pur. Ich kannte niemanden und traute mich nicht bescheid zu sagen, wenn ich auf Toilette musste und nässte immer wieder ein. Das war natürlich sehr schambehaftet, wenn das andere mitbekamen. Ich sagte dann, ich hätte so geschwitzt. Als ich dann doch mal auf Toilette ging, kam mir ein Junge nach und glotzte über die Tür drüber. Was das ganze nicht besser machte.
Und so ging es das ganze Leben weiter. Die Grundschule war noch okay, weil ich mich auf den Lerninhalt konzentrieren konnte und gerne lernte. Freundschaften baute ich keine auf. Zuhause in der Nachbarschaft gab es viele Kinder mit denen ich auch viel spielte. Aber ob ich das gerne tat? Ich glaube eher nicht. Man tat es halt.
Ich konnte mich noch nie gegen Übergriffe wehren. Nachbarjungs die mich hänselten, schikanierten oder körperlich angriffen. Die fanden das alle immer lustig. Ich verstehe das bis heute nicht, wie man das lustig finden kann.


Dann kam der große Umbruch und danach in der Hauptschule wurde das Mobbing massiv und extrem, wieder half mir keiner und ich erduldete es. Die Angst steigerte sich natürlich dadurch auch mehr.
Irgendwann ging das Berufsleben los und ich wußte nicht was ich machen wollte. Was ICH wollte, fühlte, dachte spielte nie eine Rolle und auf einmal soll man das wissen…
Es folgte eine umtriebige Zeit, viele Umzüge, Jobs, Nebenjobs und dann hörte ich immer öfter von meinem Umfeld: Halte doch mal was durch! Ich war empört und wütend über diese Aussage, wußte abernicht warum.
Heute weiß ich es: Ich habe schon immer sehr viel ausgehalten, bis zur kompletten Selbstabspaltung. Nur sah man das nicht. Später habe ich mich selbst oft hart innerlich verurteilt, wenn ich wieder etwas aus Anst absagen musste: Jetzt halte doch mal was durch. Ich fühlte mich wie ein Versager.
Was soll ich denn noch alles durchhalten? An Schmerz, an Einsamkeit, an Angst, an Anspanung, an Ausgrenzung…?
Der nächste bescheuerte Satz war dann: Da wo die Angst ist, da gehts lang. Und dieser Satz kam aus Kreisen in denen durchhalten, einhalten strenger Verhaltensregeln und viel Härte gegen sich selbst an der Tagesordnung stand. Die Angst wird nicht weniger wenn man durch sie hindurch geht, meistens ist es so, dass man diese abspaltet, dissoziiert um das auszuhalten.


Erst in einer sehr guten Trauma-Tagesklinik wurde mir das erste Mal erlaubt meine Grenzen zu achten: es wird zuviel? Du darfst den Raum verlassen. Du darfst sogar das Haus verlassen, gib nur bitte bescheid, nicht das wir dich suchen. Mir wurde geglaubt, dass ich nicht faul oder zaghaft oder schwach bin oder mich vor Sachen drücke, sondern dass es wirklich nicht geht. Ich durfte hinspüren: will ich mich woanders hinsetzen oder erstmal nur beobachten und später mitmachen? Ich musste mich nicht mehr durch Sachen prügeln, die ich nicht machen wollte oder konnte. Welch Befreiung! Dort bekam ich auch endlic die richtige Diagnose: komplexe PTBS und 3 Jahre später wurde ich deswegen in EU-Rente geschickt.

Viel zu oft ist es in psychosomatischen Kliniken so, dass diese Leute meinen, was richtig für einen ist, da wird ein Therapieplan aufgestellt und der muss durchgezogen werden.
Nunja, aber die Angst blieb. Vor Menschen, vor Kritik, aber am meisten vor Autonomieverlust und vor Nähe. Denn die schlimmsten Verletzungen haben mir nahe Menschen zugefügt: Eltern, Schwester, Partner, Freunde, Mitschüler. Ich glaube es war zuviel.
Wenn ich, so wie derzeit wieder wie unter Strom stehe, wie wahnsinnig 3 Stunden durch den Wald laufe oder schon um 6 Uhr früh im Nieselregen durchs Dorf spaziere, ständig angespannt und unruhig bin, schlecht schlafe mit wilden Träumen, weiß ich heute, es ist wohl wieder was angetriggert. Und dann muss ich mich auf die Suche machen. Und meistens dann, das was ich fand, das oder denjenigen verlassen. Anders geht es nicht mehr. Ich habe alle Möglichkeiten und Therapien und Hilfsmittel durch, damit es doch irgendwie funktioniert. Aber es hilft nichts.
Ich muss mich umdrehen und gehen. Und trauern, weil meistens gab es ja auch was schönes an der Sache oder dem Menschen das ich nun auch verliere.
Ein einsames Leben

2 Kommentare zu „Leben mit Angst“

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