Angststörung


Es gab tatsächlich noch einen zweiten Engel, der mir während der Gartenarbeit geschickt wurde. Ich hatte noch Lust die vertrockneten Blätter, Stengel ect. wegzurupfen. Der Hausmeister meinte zwar das brauche ich nicht zu machen, aber ich hatte Lust drauf und es war auch nötig, ich habe 2 volle Eimer weggeschafft. Als ich so vor mich hinwerkelte kam wieder eine Frau und meinte: „Ihr macht das echt immer so schön !“, anscheinend hab ich so verdutzt geschaut, dass sie das gleich mit einem „doch wirklich!!“ bekräftigte. Das hat mich natürlich sehr gefreut, so eine direkte Wertschätzung, wo ich doch als alte Sozialphobikerin denke, dass die Leute mich immer und ständig verurteilen und bestimmt nur das allerschlimmste von mir denken. Crazy Gehirn halt…
Kommentar vom Hausmeister nach seinem Urlaub und als er den Garten sah: „So schön sah das noch nie nach meinem Urlaub hier aus!“ OHHH wow. Er ist kein Typ der so Floskeln sagt um nett zu sein oder freundlich oder um sich einzuschleimen. Wie gesagt, er ist extrem penibel und man hat ständig das Gefühl unter seinen Argusaugen schlecht wegzukommen, er macht manchmal so einen mürrischen und abweisenden Eindruck, dass man sich oft gar nicht traut ihn zu grüßen.
Also: Arbeit gut erledigt. Kommt das in meinem Angsthirn an? NEIN! Denke ich das nächste Mal: ach das schaffe ich schon, ich hab schon ganz andere Dinge gut gemacht? NEIN! Traue ich mir nun die nächste Herausforderung zu? NEIN! Kann ich mich selbst loben und mir sagen: hej super gemacht? NEIN! (Naja ein wenig, ich kann immerhin die Schwierigkeit sehen und annehmen, dass das „was draußen machen“, mit Sozialphobie nicht einfach ist und mir sozusagen die Panik auch erlauben und mich nicht dafür verurteilen. Kann ich mich drüber freuen, dass ich das gemacht und geschafft habe? NEIN!
Es ist wie verhext. Arbeitgeber waren immer zufireden mit mir, Eltern die mir ihre Kinder anvertrauten waren begeistert von mir, die meisten im Arbeitsumfeld mochten und schätzten mich und doch kommt das nicht an. Als wäre das Schloß zum Selbstwertgefühl/Selbstvertrauen zugemauert. Ich habe sozusagen eine Selbstwertentwicklungsstörung. Das ist so frustrierend. Und so kräftezehrend. Bei jeder Herausforderung (und das sind mit Angststörung sehr viele, was für andere völlig selbstverständich ist) hab ich wieder den Scheiß. Angst, Anspannung, Panik, Gedankenkarruseel, am liebsten absagen, flüchten, mache ich es, wirds nicht besser (von wegen die Angst wird weniger, wer erzählt dieses Märchen?) danach völlig kaputt und sich schwören, dass man nie mehr irgendwas macht.
Es gab dann vom Hausmeister noch eine Dankeschön-tüte mit einem sehr leckeren Kürbiskernöl und einem satten Trinkgeld. WOW!

Noch so ein Beispiel: Ich bekam 2 Freimarken fürs Volksfest. Einmal für Getränk und einmal für ein Brathendl.  Volksfest ist für mich schwierig. Sehr schwierig. In ein Bierzelt zu gehen quasi unmöglich. Eins der größten Trigger überhaupt. Die letzten Jahre hab ich die Marken immer verschenkt. Jetzt packte mich aber mal wieder der Ehrgeiz und ich wollte es probieren. Und ich ging kleine Schritte: ich geh hin, ich geh ins Bierzelt und schau mir an wo die Theke ist (nah am Ausgang?), wieviele Leute da sind, welche Atmosphäre, welche Musik usw. wenn es nicht geht, ist das OK dann hol ich mir einen Schokofrüchtespieß und was warmes vom Metzger. Es hat geklappt. Kaum Leute (aber wie ich merkte, streßt mich das Zelt auch leer sehr) und die an der Theke waren so nett, dass wir sogar ein wenig rumalberten und ich stolz wie Bolle MIT Hendl heim ging und es deswegen natürlich gleich doppelt gut schmeckte.
Aber da sieht man mal wie verstörend so ne Angststörung sein kann: Ein Hendl holen? Whats the Problem???? Tja geficktes Hirn halt…

Ich les grad ein Buch: Läuft bei mir nicht (das „nicht“ ist durchgestrichen), Untertitel: wie Du Deiner Depression auf die Nerven gehst. Es ist kein Ratgeber, sondern die persönliche Geschichte einer Frau, die nicht nur an Depression erkrankt ist sondern eher noch an einer Angststörung, das merkte ich aber erst beim lesen. Das gefiel mir gut, weil ja bei mir auch eher die Angst als die Depression vorherrschend ist.
Nur bei den meisten angstgestörten läuft das meist folgendermaßen ab: Sie wachsen relativ normal und gesund auf und dann in der Jugend oder im Studium oder bei sonst einem Anlass (bei meinem Vater war der Auslöser die Geburt des 2.Kindes, das ich war) bricht die Angststörung aus. Die Menschen nehmen all die Angst, das Herzrasen, den Schweiß, den Tunnelblick bewußt wahr und wissen, dass da was anders läuft wie sonst. Sie entwickeln dann alle möglichen Strategien, um das zu vermeiden, bis ihr Leben so eng und klein wird, dass sie an ihren Tiefpunkt gelangen und finden dann was, was ihnen hilft und tara ihr Leben geht (fast) ohne Angst weiter.
Bei mir war das (mal wieder) anders. Für mich gehört Angst (große Angst) schon immer zum Leben, seit ich denken und mich erinnern kann. Innere Unruhe ist mein zweiter Name.
Schon mit 5 Jahren im Kindergarten, traute ich mich nicht zu sagen, dass ich auf Toilette müsse und näßte dann regelmäßig ein. Was zur Folge hatte, dass sich meine Mutter über mich lustig machte (sehr hilfreich): „haha wenn die Lalua andere Klamotten anhat, hat sie mal wieder in die Hose gebieselt!“ Ich weiß nicht ob das ab dem Zeitpunkt passierte, als ich mal alleine im Kiga auf Toilette ging und ein Junge über die Trennwand rüber schaute, was mir sehr unangenehm war. Die erste scheiß Erfahrung von vielen mit Jungs, später Männern.
Für mich gehörte Unwohlsein in Gegenwart anderer und große Anspannung vor allem möglichen schon immer dazu. Ich fühlte mich immer anders, ausgestoßen, unwirklich, seltsam. Während andere Kinder zusamen spielten oder feierten stand ich heulend oder zumindest stumm daneben.
Auch in der Ausbildung und dann im Berufleben war es für mich normal immer weite Sachen zu tragen, damit man die Schweißflecken nicht sieht. Für mich war es normal, dass ich im Auto die Lüftung so einstellte, dass die mir unter die Achseln pustete.
Alles war immer Kampf und anstrengend. Entspannung war ein Fremdwort.
Trotz allem mied ich wenig. ich wußte ja nicht, dass ich ANGST hatte, ich fühlte mich nur sooft unbehaglich, angespannt, ernst, schwer, aber das war für mich normal, weil ich das ja schon immer so fühlte.
Im Gegenteil ich zog hinaus in die Welt, früh weg vom Elternhaus, viele Dates, Partys, wechselnde Arbeitsstellen und Wohnungen, ich war unterwegs. Und als es mir immer schlechter ging, ging ich zum Arzt, der schickte mich weiter zum Psychiater, ich war energielos, müde und lustlos, es wurde eine Depression dignostiziert. Aber Angst? Ich? neeeee….Und wieder ging ich hinaus: in Selbsthilfegruppen, in Kliniken, in Theapie, ging weiter einkaufen und Bahn fahren, fuhr sogar allein weit weg in den Urlaub, mehrmals, selbst wenn ich vor lauter Anspannung fast mein Herz auskotzte. Ich schonte mich nicht. Erst als es eine Stufe höher ging und ich vor Angst vor anderen Menschen nicht mehr essen und trinken konnte wurde auch mir klar, dass das Angst ist. Und als ich einen Mann kennenlernte der eine soziale Phobie hatte, wußte ich genau was das ist, ohne mich damit in Verbindung zu bringen! Das brauchte nochmal ein paar Jahre bis ich schnallte: Angststörung! Hab ich!
Alles „durch die Angst gehen“ und nicht vermeiden half mir: Nix! Ich wurde nicht entspannter! Es war und IST immer Streß! Der Supermarkt, der Arztbesuch, das Telefonat, der Friseurbesuch, arbeiten (wenn ich es mal kann) oft reicht schon über eine Straße zu gehen vor der lauter Autos warten. Ich will dann sofort unsichtbar sein und weil das nicht geht: einfach nur nach hause.

Vor Menschen kann ich wieder essen, aber nicht alleine im Restaurant, auch wenn ich das schon ein paar mal geschafft habe, aber ein Genuß war das nicht. Bahn fahren geht auch mal besser, mal schlechter,  wie alles.
Ich habe mich immer angestrengt, immer alles ausprobiert, damit diesAnspannung, diese Angst weniger wird. Es wurde nur minimal besser. Es gibt Zeiten da vermeide ich mehr, weil es nicht anders geht, weil jedes vor die Tür gehen Streß ist. Das ist so auslaugend und erschöpfend, dass dann nur das nötigste geht. Das ist in Ordnung, das gestehe ich mir inzwischen zu.
Doppelt anstrengend ist, dass ich mir nicht anmerken lassen will, wieviel Angst ich habe. Zum einen würde ich mich natürlich sehr verletzlich und angreifbar damit machen und zum anderen ist die Scham natürlich hoch (da brauchst du doch jetzt echt keine Angst zu haben, da ist doch nix! ect..) dieses starke Gefühl zu unterdrücken ist schon heftig.
Ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, dass diese Angst mir bleiben wird. Ich sollte ihr einen Namen geben und sie als Wesen außerhalb von mir wahrnehmen, das de-identifizieren hilft schonmal ein Stück, gelingt aber nicht immer.
Und dass diese Angst krankhaft ist. Eine Krankheit. Nicht meine Charakterschwäche, nicht Faulheit, nicht Blödheit.
Das ich nicht so frei und locker wie andere leben kann, nicht länger arbeiten kann, Beziehungen, Veranstaltungen usw inzwischen meide und mich soviel verkriechen muss, obwohl ch es gern anders hätte,  ist unerträglich. Das ist kein Leben

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