Ich und/oder die Krankheit

Ostern – Neuanfang – auferstanden von den Toten…


Ach dacht ich gestern so für mich hin, son Neuanfang, eine Zeitenwende, neue Lebendigkeit wäre auch bei mir echt mal angebracht.
Gestern sah ich den Film Cortex (eher experimenteller Art, bissl schräg, aber für meine derzeitige Grundstimmung genau das richtige, zudem gab es tolle Musik und atmosphärische Szenen) und da meinte die Ehefrau: „Um uns herum entwickelt sich alles und jeder und bei uns ist Stillstand.“ Bingo, dachte ich, is bei mir auch so.


Seit Monaten diese depressive Grundstimmung und Todessehnsucht. Keine Freude, kein genießen können, alles träge, alles grau, alles scheiße. Keine Veränderung, keine Entwicklung, alles trostlos.
Und bevor ich mir heute noch vor dem Frühstük Druck machen konnte: Schönes Wetter und Ostern und ich muss raus und guter Laune sein: Nö, frühstücken (immerhin mit leckerer Semmel und O-Saft, was ich echt genossen habe) und dann ab ins Bett mit dem Buch: Arbeit an Selbstanteilen, an dem ich immer noch lese, weil es doch sehr intensiv ist. Und obwohl ich diese Arbeit kenne, lerne ich da doch immer wieder was neues. Ein gutes Buch!
Jedenfalls ging es mal wieder ums de-identifizieren mit Anteilen/Symptomen. Um entschmelzen. Damit man erstmal wieder Abstand davon hat und etwas mehr Ruhe einkehrt. Dann lässt es sich klarer denken, entscheiden und handeln.
Mir wurde dann wieder bewußt, dass wenn ich meine, dass ich die Depression BIN, mich furchtbar klein, schuldig, handlungsunfähig, ohnmächtig fühle. Sage ich, dass ich Depression HABE, ist das Gefühl gleich anders. Es ist nur ein Teil in meinem Leben. Manchmal ein größerer, manchmal ein kleinerer, aber damit kann ich dann besser umgehen.
Ich bin mehr als die Depression, die Angststörung und alle anderen Traumafolgesymptome! Menschen mit Esstörungen machen das manchmal so, dass sie dieser Essstörung einen Namen geben, auch das kann helfen.

Nichtsdestotrotz fiel mir dann die Option Tagesklinik ein. (Warum nicht schon eher? Keine Ahnung und irgendwie schad, aber naja…). Es gibt hier eine sehr gute, zumindest war sie das vor 12 Jahren. Spezialisiert auf  PTBS. Aber nur mit 10 Plätzen und damals schon mit 3 Monaten Wartezeit, ird sichangesichts der letzten 2 schwierigen Jahre noch verlängert haben.

Aber heute werde ich mich erstmal wieder in der Akzeptanz üben, dass ich eine Krankheit habe und das nicht mein persönliches Versagen ist oder ich schuldig, dumm und faul bin.
Nur für heute werde ich achtsam mit mir umgehen, mich pfleglich behandeln und liebevoll mit mir sein.

Frohe Ostern!

Erwachsen bleiben


Mit inneren Anteilen zu sehr verschmolzen/identifiziert zu sein macht meistens Schwierigkeiten.
Bei mir ist es meistens so, dass ich mit sehr jungen kindlichen Anteilen verschmelze. Ich ziehe mich immer mehr aus dem Erwachsenenleben zurück, arbeite nicht weil ich mich daür überhaupt nicht in der Lage fühle weder körperlich noch mental, ich fühle mich von Kleinigkeiten überfordert und kann mich selbst bei Nichtigkeiten (was nehme ich von der Speisekarte?) nicht entscheiden.
Irgendwann tu ich kaum noch Erwachsenensachen und dann kommen soviele alte Gefühle und Zustände hoch, dass ich nicht mehr leben will.


Sanft aus dieser Identifikation lösen. Ich habe festgestellt, dass ich schon wieder in einem halben Kinderzimmer wohne: Rosa Vorhänge (die mir im Herbst so gut gefielen, weil mir die grünen für den Winter zu kalt waren, selbstgebastelte Filzsachen in dem Regal in das ich am öftesten schaue, weil es schräg vor der Couch steht, ein Bastelbuch aus dem Supermarkt (mit dem man so bunte Kratzbilder machen kann), auf dem Balkon Figuren (Schildkröte, Schaf ect.) mit süßen Kindchenschema-Gesichtern, Kuscheltier auf dem Regal im Flur das ich auch immer sah, wenn ich vorbei ging.
Mir tut das auf Dauer nicht gut, weil es mich mehr destabilisiert als sonstwas.

Ich glaube es tut mir auch nicht gut, immer Sommer/Winterkleidung wegzuräumen. Seit Tagen steht der Sack mit den Sommersachen im Flur und ich schaffe es einfach nicht das ein/umzuräumen. Früher tat das meine Mutter immer mit mir zusammen, wir mussten das so machen, weil wir eine sehr kleine Wohnung hatten, die auch noch sehr kalt war. Wir hatten nur einen winzigen Kleiderschrank wo nur das nötigste reinpasste und Kinder brauchen auch noch mehr Unterstützung im regulieren der Körpertemperatur (warme Kleidung). Heute habe ich aber einen großen Kleiderschrank und eine gut geheizte Wohnung und Geld um mir Kleidung zu kaufen wenn ich sie brauche und will (auch das fehlte in meiner Kindheit und ich kann mich noch sehr gut an den dunklen, muffigen Secondhand-Laden erinnern in dem wir oft waren).


Meine kindliche Seite braucht was anderes: endlich einen Erwachsenen an der Seite der klar, liebevoll, verantwortungsbewußt, fürsorglich, aber auch Grenzen setzend ist. Der das Kind wirklich sieht, wahr und ernst nimmt. Es darf einfach nicht mehr mein Leben führen wollen. Es KANN das nicht! Und es MUSS es auch nicht.
Was nicht heißt, dass es keine kindlichen Sachen haben und tun darf. Im Gegenteil, wenn das Kind endlich wieder Kind sein darf, dann genießen „wir“ total auch mal ein Eis, oder im Wasser planschen, oder rumzukritzeln oder ein albernes Lied hören und dazu tanzen oder einen Griesbrei oder was auch immer!
Letztens nahm ich mir aus dem Tauschhaus das Buch: „Kinder brauchen Grenzen“ mit, da freu ich mich schon drauf!
Und jetzt hol ich die grünen Vorhänge aus dem Keller wieder und dann werd ich den Kleiderschrank ausmisten und nur noch Winterjacke, Handschuhe, Winterschuhe, Schal und Mütze in den Keller räumen. Ich glaub das tut mir gut.

Du darfst nicht fühlen!

Es treibt mich weiter um, wie sehr ich wieder in der Gefühlsverleugnung war. Und umso besser geht es mir jetzt, dass ich mich wieder spüre! Klar ich merke, dass ich seit über einem Jahr keine Therapie habe, denn dort fiel es mir leichter anzuschauen was dann da „schlimmes und überwältigeendes“ in mir lorderte, aber ich kann ja nicht lebenslang in Therapie gehn.
Du sollst nicht fühlen ist kein kirchliches Gebot, abr es war in unserer Familie eines.
Ich habe Angst: ach da brauchst du keine Angst haben, das ist gleich vorbei und tut gar nicht weh (was selten stimmte, was doppelt schlimm war weil so musste ich meine Angst und meinen Schmerz/Leid unterdrücken)
Ich will das nicht: ja aber da musst du halt jetzt durch
Wenn ich still war: jetzt sei halt nicht so bockig…
aber auch bei „schönen“ Gefühlen. Wenn ich zum Beispiel aufgeregt war (egal ob wegen was schlimmes oder schönen, hat sich meine Stimme „überschlagen“ und es hörte sich sehr nasal an, die Energie das kribbeln im Bauch strömte quasi durch eine Nase, was Anlass war das sich meine Familie über mich lustig machte und mich beschämte. Ausdruck von Lebensfreude durch tanzen oder singen? Die spinnt…jeder Gefühlsausdruck wurde immer bewertet.

Noch heute erwische ich mich dabei, mir zu verbieten zu tanzen wenn ich Lust drauf habe und ein Lied im Radio kommt das ich mag, oder mal vorm Spiegel bissl rumzualbern …das ist KINDISCH.
Ich habe ein Foto wo ich es endlich deutlich sehe und einen Beweis habe: Es war abends auf der Theresiewiese, wir wateten auf den Bus der uns nach Berlin zur Loveparade bringen sollte. Ich war immer ein leidenschaftlicher Technofan und endlich sollte es auf DIE Party gehen. Es ging eine Sektflasche rum, ich trank, tanzte und lachte verschmitzt in die Kamera, meine Schwester daneben schaut mich voller Verachtung an.


Ich verbot mir zu fühlen. Ich fühlte nicht, dass der Beruf der Kinderpflegerin mir überhaupt nicht taugt, aber ich dachte halt, mei wem macht Arbeit schon Spaß. Dass sie das sehr wohl tun kann, erfuhr ich leider erst später.
Das ich den Typ mit dem ich zusammen wohnte und so tat als wären wir ein Paar, nocht nicht mal leiden konnte geschweige denn liebte, spürte ich ebenso nicht. Wir hielten Händchen, knutschten, verbrachten unsere Freizeit mit einander, fuhren in Urlaub, hatten Sex und ich mochte ihn nicht. Nicht seine Tics, nicht seinen extremen Zigarettenkonsum, nicht seine Schlaksigkeit und schon gar nicht keine krankhafte Kontrolle. Ich merkte das erst als ich immer kränker wurde und ein Arzt vertraulich mit mir sprach und mich auf etwas aufmerksam machte.
In der Sexarbeit spürte ich keinen Ekel, keinen Widerwillen, nur wenn ich Angst spürte nahm ich diese ernst und traf mich nicht mit Typen die mir komisch vorkamen.

Mit Gefühlen umgehen habe ich in meiner Familie nicht gelernt, alle unterdrückten ihre eigenen, mein Vater verlies vor lauter Angst das Haus nicht mehr, meine Muter soff und meine Schwester wurde das perfekte Vorzeigekind (und Jugendliche) eiskalt und sadistisch.
Als ich anfing mithilfer ersten Therapien meine Gefühle zu entdecken und sie ernst zu nehmen wurde ich ganz schnell das schwarze Schaf in meiner Familie. Ich entschied nämlich so Sachen wie: Nein ich möchte nächsten Sonntag nicht zu Besu kommen, nein ich will nicht die Geldkarte von Papa, nein ich möchte dieses Jahr Weihnachten anders feiern, nämlich auf einer Party. Ab da wurden alle Manipulationen und Erpressungen noch schärfer und somit offensichtlicher. Das war nicht leichter, bestätigte mich aber, das ich auf dem richtigen Weg bin, zumal es mir körperlich und seelisch um Welten besser ging!

Dabei sind Gefühle weder gefährlich noch schlimm. Sie wollen meistens nur wahr und ernst genommen werden. Das muss man aber erstmal wissen UND ausprobieren, dass das wirklich so ist. Es muss nicht gleich weitreichende Konsequenzen haben. Nur weil mich mein Mann grad nervt heißt das nicht dass wir uns gleich scheiden lassen müssen, nur weil ich heute keine Lust auf Arbeit habe, heißt das nicht dass ich kündigen und ab sofort unter der Brücke schlafe muss.
Klar manchmal muss man auch handeln, ich hatte irgendwann all die Schikanen meiner Familie so satt, dass ich mit 32 Jahren sagte: So Schluß aus, ich will keinen Kontakt mehr zu euch, macht euren Scheiß alleine! Und fast zeitgleich konnte ich das rauchen sein lassen! Ich musste mithilfe der Zigaretten nichts mehr wegdrücken. Das jährt sich nächsten März nun zum 10. mal und das macht mich stolz.

Das wir leider derzeit wieder in einem Klima des „du darfst nicht fühlen“ sind, triggert mich. Wenn jemand Bedenken wegen Corona hat, sei es an der Krankheit an sich, wegen der Impfung oder wegen der Politik wird man sofort als rechter, verblödeter, verschwurbelter, asozialer Esoteriker/Volldepp/ect. hingestellt.

Eine Autorin die mir geholfen hat, meine Gefühle wieder zu entdecken ist Safi Nidiaye. Sie schreibt klar und gut verständlich, immer wieder hole ich mir ihre Bücher hervor.
Ein anderes Buch, das mir die Augen öffnete war: Gefühlsstau von Hans-Joachim Maaz, ich las es eher weil es darin um das politische System der DDR ging und mich das schon immer faszinierte und interessierte, wie die Menschen das damals erlebten, wie es ihnen ging, wie sie das aushielten. Das Buch fesselte mich, manchmal spürte ich so eine extreme Unruhe und Wut in mir, dass ich es weglegen und mich erstmal irgendwie austoben musste. Bis ich erkannte: So war unser System in der Familie auch! Ich wurde massiv getriggert. Mir gingen die Augen auf. Es war schmerzhaft aber auch sehr hilfreich zu erkennen: Mein Widerstand und meine Rebellion und meine Abneigung gegenüber meiner Familie haben einen Grund!

Nunja, heute muss ich zum Glück nicht wieder bei 0 anfangen. Ich bin schneller bei meinen Gefühlen. Manchmal stelle ich sie mir als Wesen vor: Die gebeugte Angst, die plumpe gemächliche Gelassenheit, manchmal rede ich mit inneren Anteilen, mit dem ängstlichen Kind, mit der eigenbrötlerischen Jugendlichen, auch das hilft…da findet jeder seine eigene Methode.

Im Land der Dichter und Denker wär es schön, wenn man abundzu auch auf seine Gefühle schaut und dass diese eine Berechtigung haben. Den Weg des Herzens gehen

Lesestoff

Ich lese gern und viel. Klar gibt es immer mal längere Lesepausen, aber derzeit ist Lesestoff wieder hoch im Kurs! Ein kleiner Einblick:

– gelesen: Das Ringen um Sinn, von Joseph B.Fabry
Viktor Frankl, dem Analytiker und Psychotherapeuten der zusammen mit seiner Schwester das Konzentrationslager überlebte (die ganze restliche Familie kam darin um) widmete sein Leben der Logotherapie. Dem Suchen nach Sinn für das Leben. Und alles wa sich bisher von ihm las war mir irgendwie zu hochgestochen, zu verschwurbelt, zu unverständlich. Aber ein anderer Mann, Joseph B. Fabry (auch er überlebte das Konzentrationslager) ein Redakteur und Bekannter von Frankl beschäftigte sich ebenso mit der Suche nach dem Sinn  und gab als Dozent darüber Kurse und Seminare und schrieb dann eben dieses Buch:  Eine Einführung in die Logotherapie. Und nach den ersten 30 Seiten wußte ich: Das ist mein Buch. Leicht und gut verständlich geschrieben.
Gleich zu Anfang fand ich ein Zitat von Frank, das mir sehr gefiel:

Dass das Dasein einen Sinn hat und das es nie aufhört, einen Sinn zu haben, dass dieser Sinn jeweils einzig und einzigartig ist, indem er sich von Mesch zu Mensch und für jeden Menschen von Augenblick zu Augenblick ändert; dass der Mensch ebenfalls etwas jeweils Einmaliges und Einzigartiges ist und dass sein Leben in einer Aufeinanderfolge von Lebenssituationen besteht, deren Auftragscharakter erkannt werden muss; dass der Sinn des Lebens im Erfüllen der in der jeweiligen Situation enthaltenen Aufgabe besteht; und dass Glück, Zufriedenheit und Seelenfrieden nur Begleiterscheinungen, nicht Ziel dieser Suche nach Sinn sind.
Ich habs noch nicht ganz durch, obwohl es ein dünnes Büchlein ist, aber eben auch viel zum nachdenken anregt.

– Splitterfasernackt: eine (wahre) Geschichte von einem ungeliebten Mädchen, dass als Kind und Jugendliche mehrfach sexuell mißbraucht wird, stark magersüchtig wird und dann „freiwillig“ in die Prostitution einsteigt. Keine leichte Kost, ist klar, aber gut geschrieben, leider teilweise etwas zu langatmig und pathetisch.

– Shinead O’Connor – Erinnerungen. Als mir vor vielen Jahren immer bewußter wurde, in welch kranker Familie ich aufwuchs und all die perversen Psychospielchen erkannte, waren die früheren Lieder von Shinead O’Connor (nebst den Bösen Onkelz) ein Hilfsmittel um an meine Gefühle zu kommen und diese auszudrücken. Dieses kraftvolle wütende gepaart mit der kindlichen, zarten Zerbrechlichkeit berührt mich zutiefst. Und obwohl wir uns natürlich nicht kennen, fühlte ich mich nicht mehr so alleine mit all dem Desaster. Von daher war ich natürlich gespannt auf ihr Buch. Wahrscheinlich ZU gespannt, denn leider enttäuschte es mich. Gut, es heißt Erinnerungen, das impliziert vielleicht, dass es eben genau darum geht und nicht um ein Psychotherapie-Protokoll. Ihre Gedanken und Gefühle hätten mich halt mehr interessiert, als das was sie schrieb: Äußerlichkeiten was wann passierte…Vor allem die ersten Hälfte ist wohl aus ihrer Kindsicht geschrieben und genauso liest es sich auch: Wie ein fader Aufsatz eines 4.Klässlers. Ich wollte schon entnervt aufgeben, hatte aber Hoffnung, dass es noch besser wird. Wurde es, zumindest der Schreibstil wurde angenehmer und im 2.Teil geht es tatsächlich minimal um ihre Gefühle. Ich vermute, dass sie diese in ihrer gewalttätigen Kindheit schlicht abstellte um all die Widerlichkeiten zu überleben. Fazit: Alles in allem eher dünn und oberflächlich.

– Umso besser gefiel mir da: Mein fremdes Ich von Daphne Merklin. Das suchte ich nicht gezielt aus, sondern wurde mir dank meines „Verlaufs“ vorgeschlagen und da es nur 4-nochwas kostete bestellte ich es einfach mit. Keinerlei Erwartungen. Dafür hing ich ab dem 1.Satz wie eine Süchtige in dem Buch. Der lautet: Seit kurzem muss ich wieder über den Zauber nachdenken, der dem Selbstmord innewohnt – die Art und Weise, wie er „Basta!“ zum Leben sagt wie eine italienische Großmutter, die den angehäuften Schutt des Alltags vor die Tür kehrt und nichts als einen sauberen, unbefleckten Boden hinterlässt! Was für eine Sprachgewalt (die sich glücklicherweise durch die ganzen 364 Seiten zieht) die sich so flüssig liest, wie die Eiscreme die Speiseröhre hinunterflutscht (gut, ein nicht ganz so schöner Vergleich wie mit der Großmutter, aber egal) und was für ein Thema im ersten Satz! Die Washington Post schreibt: „Mein fremdes Ich gehört zum Kanon der Bücher, die depressive Menschen ermutigen….“ Äh zu was genau? Suizid?
Aber klar, es geht um Depression die die Autorin eben selbst seit ihrer Kindheit immer wieder durchlebt oder eher erduldet. Es geht um ihre Kindheit in einem jüdischen Haushalt, um ihre kalte Mutter, um all die Antidepressiva und Klinikaufenthalte. Eines der besten autobiografischen Bücher die ich über einen depressiven Menschen gelesen habe!

Sonstiges: Mal wieder ein kostenloses Probeabo (für 4 Wochen)der ZEIT abgestaubt und für Weihnachten vorgesorgt: Sörensen hat Angst und: Die Kunst innerlich zu leben. Dazu fürs nächste Jahr mich selbst beschenkt: Ein Abo von ZEIT Wissen. Mein Gehirn freut sich derzeit tierisch auf soviel Futter!

Aspergirls

Ich les ja hin und wieder gern Bücher über Autismus. Ich finde mich da in Teilen wieder, aber viele Merkmale habe ich eben auch nicht. Zum Beispiel Selbststimualtion bei Überforderung, typisches Merkmal wäre da eben schaukeln, wippen, summen, reiben, Hände flattern sowas…als Kind habe ich bei Anspannung mir die Nägel abgeknippelt, das mache ich heute nicht mehr. Ich kann auch sehr gut zwischen den Zeilen lesen und verstehe Ironie bestens. Vieles an „wie man sich in der Öffentlichkeit richtig benimmt“ habe ich aber auch einfach gelernt, meinem Bedürfnis nach würde ich einiges anders machen.

In dem Buch Aspergirls geht es eben um Mädchen/Frauen mit der leichteren Variante der Störung: Asperger-Syndrom. Da soll es nämlich durchaus starke Schwankungen zu den männlichen Erdenbewohner geben. Und dadurch dass es bei Frauen kaum erkannt wird, bekommen diese Fehldiagnosen von bipolar, Depression, Angststörung, Borderline ect. Man kann das mit Asperger natürlich auch haben, aber die Therapie wäre eine andere.

In dem Buch fand ich mich zu 80-90% wieder. Meine aber, dass sich da viele mit PTBS wiedererkennen, weil sich das eben überschneidet von den Symptomen. Zumindest bei mir mit Entwickungstrauma durch nahe Bezugspersonen. Nicht in die Augen schauen wollen, lieber alleine sein, nicht gern berührt werden schon gar nicht von Fremden (noch schlimmer jene die ein STOP oder NEIN nicht akzeptieren, leider bei vielen Ärzten erlebt).

Hier nun ein paar Notizen zu dem Buch mit Zitaten (kursiv)

Da Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung oft ungelenk, scheu, seltsam, schweigsam erscheinen werden sie auch oft gemobbt, was Trauma entstehen lassen kann.

Ich wuchs in einer stark kontrollierten, feindseligen Umgebung auf. Alles was ich tat, wurde genau beobachtet und umgehend angeprangert. Nichts konnte ich recht machen. Es hagelte Verbote. Ich ging sozialen Interaktionen aus dem Weg, war teilweise unfähig mich zu artikulieren, mied den Blickkontakt, sprach leise und undeutlich, schaulte monoton hin und her undw ar zappelig. Solange ich ein kleines Mädchen war, hielt man das für Schüchternheit, dann schob man es auf die Pubertät und noch als junge Erwachsene bekam ich zu hören: Das wächst sich heraus.

Bis auf das monotone schaukeln, könnte das von mir stammen.

– fehlende Identifikation mit Mitschülern/ überhaupt anderen Menschen.

– Und anderen Frauen, wenig typisches weibliches.

– fehldendes Identitätsgefühl: viele Abbrüche, Neuanfänge (vor allem im Job, die zahlreichen Berichte von Betroffenen, ihre Gedanken und Gefühle, ich habe mich da sofort wiedererkannt)

– World-Wrong-Syndrom (ich komm vom anderen Stern)

– legt Wert auf pflegeleichtes Äußeres, bequeme Kleidung, androgyn

– in der eigenen Welt lebend, abgeschieden, Wissensdurst, viel lesen, Einzelgänger

– kann schwer abschalten, noch schwerer unter Druck oder in Gegenwart anderer

– schwere /langsame/lange Verarbeitung von Sinneseindrücken (bei mir optische! Schwindelgefühl bei Overload)

– lieber an Stärken nicht an Schwächen arbeiten

Wir haben das Bedürfnis unseren Kopf mit Wissen vollzustopfen wie andere ihren Bauch mit Nahrung. Informationen ersetzen die Verwirrung, die viele von uns in sozialen Interaktionen mit anderen erleben.“

– Starkes Kontrollbedürfnis, unspontan

– hellfühlen, oft schon an Dinge gedacht, die dann so kamen (z.B. Szene im Film/Buch oder auch real)

– viel Scham bei Körperfunktionen (wenn ich eines hasse: mit jemanden den ich kenne zusammen auf Toilette zu gehen. Da streikt meine Blase komplett, egal wie voll sie ist)

– oft starke Verunsicherung in sozialen Situationen (aber nicht immer wie bei einer Sozialphobie, selten erlebe ich mich im Kontakt wirklich entspannt, also ohne drüber nachzudenken was ich wann sagen könnte, ob es ok ist wenn ich länger bleibe, ob ich denjenigen jetzt anstarreoder ob das noch unter anschauen geht usw.)

– wenn Interesse an einem Menschen, dann fast obsessiv (Coabhängigkeit!)

– wenig Interesse an Romantik und auch an Sexualität. Ich sag mal so, bei mir ist im Kopf soviel los, dass ich a) eh schwer abschalten kann und b) dann eben keine Kapazitäten mehr für „unten“ frei sind. Ich leb aber auch ganz gut so.

– fallen „gern“ auf Männer rein, die manipulieren, weil wir froh sind, wenn wir überhaupt mal beachtet werden

– ich kann sogar die Initiative ergreifen, wenn mich ein Mann interessiert, doch erstaunlicherweise finden das manche Männer gar nicht so toll, sondern regelrecht abstoßend. Unvergesslich: In einem Club flirtete ich nur mit Blicken mit einem Mann, er wußte nicht, dass der Mann mit dem ich dort war nur ein guter Freund war. Also ging ich zu ihm hin und wir plauderten, rauchten eine (damals tat ich das ja noch) und verabredeten uns für den nächsten Abend bei ihm zu hause. Er war einer der wenigen Männer von denen ich nur eines wollte: Sex. Also fuhr ich hin, wir plauderten, sahen Fotoalben an, rauchten weiter, ich erfuhr, dass seine Freundin derzeit im Urlaub sei, kamen uns näher und näher und wieder ergriff ich die Initiative, dass es zu mehr kommt weil es mir schlicht zu lange dauerte, doch er: schlief ein. Unfassbar. Also fuhr ich wieder heim. Verwirrt. Er schickte dann noch eine SMS warum ich denn gefahren sei, er hätte mich gesucht. Tzz noch nichtmal ne Entschuldigung oder so…beim Date einpennen. Ich schwieg. Netter Reinfall.

– lieber online und schriftliche Kommunikation. Ich muss mir langsam eingestehen, dass ich telefonieren nicht mag. Aber auch damit kann ich heutzutage gut leben.

Infolge der Kombination aus hochgradiger Intelligenz (da will ich bei mir jetzt mal nicht hochstapeln), geringem Selbstwertgefühl und dem Verlangen endlich die Weichen für unsere berufliche Laufbahn zu stellen, überfordern wir uns leicht. Ein Schlüsselmerkmal bei Mädchen und Frauen mit Asperger ist, dass die Gesellschaft aufgrund unserer Intelligenz und scheinbarer Normalität von uns erwartet, dass wir problemlos funktionieren. Leider verlangen wir von uns selbst oft das Gleiche. Selbst wenn wir intellektuell in das Raster passen, sind wir den Anforderungen physisch oder emotional nicht immer gewachsen. Wir brauchen mehr Zeit, mehr Geduld und mehr Einfühlungsvermögen (und mehr Ruhe Anm. von mir) als die meisten Leute. Punktum.“

Diese ganzen Merkmale und Symptome haben oft NEUROLOGISCHE Ursachen und nicht nur psychische. Schon bei der Beschäftigung mit Introversion lernte ich, dass die Gehirne introvertierter Menschen anders sind. Sie benutzen andere Areale, bestimmte Bereiche sind aktiver, die Amygdala feuert schneller Alarm los usw.

– wenig Freundschaften und wenn halten sie nicht lange. Jau irgendwie vergraul ich die immer oder ich mach mich dünne weil ich mit den meisten Menschen so wenig anfangen weiß. Party, Urlaub, DSDS, ESC, … interessieren mich halt nicht.

– Wutausbrüche. In meiner Arbeit als Schulkinderfahrerin hatte ich einen schwerst autistischen kleinen Jungen dabei. Wenn sich was änderte (neue Fahrerin-also ich, neues Auto, anderer Sitzplatz, oder er müde oder hungrig war..ect.) flippte er regelmäßig im Auto aus und warf mit Dingen um sich die er zu fassen bekam oder schnallte sich ab (da ich ihn wieder anschnallen musste zerkratzte er mir dermaßen die Unterarme das ich als Borderlinerin durchgegangen wäre) und kauerte sich in den Fußraum. Ich wußte dass er nicht anders konnte und mit Erklärungen an ihn kam ich nicht weit, ich drang nicht zu ihm durch. Jedenfalls kam ich beim Lesen ins grübeln, ich hatte als Kind auch heftige Wutausbrüche auch oft wenn ich überfordert, müde und hungrig war. Nie wenn ich etwas nicht bekam oder so. Ich konnte mich nicht anders mitteilen, weil ich es selber nicht wußte, warum da so ein Chaos in meinem Körper/Kopf gerade los war. Leider half man mir nicht (wie sooft) keiner beruhigte mich, keiner sprach mit mir, man ließ mich alleine, mit den Worten: die beruhigt sich schon wieder. Und irgendwann stumpfte ich ab und unterdrückte meine Wut. Ich war nicht mehr aggressiv, sondern wurde depressiv. Ich ließ niemanden meine Wut sehen oder spüren. Ich arbeite schon länger daran meine Wut wieder zu spüren, herauszulassen (alleine zuhause), weil es viel Kraft ist, die da frei wird. Und es gut tut, seine Gefühle zu leben.

Mir wurden Schuldgefühle eingeimpft, weil ich war, wie ich eben war.“

– körperliche Anzeichen: Geschwächter Magen-Darmtrakt, Unverträglichkeit von bestimmten Nahrungsmitteln und „normalen“ Medikamentendosen. Vor allem bei Narkosen und Alkohol merke ich das, da brauch ich nur homöopathische Dosen. Generell Hochsensibilität

Wir haben es noch nie verstanden uns der breiten Masse anzupassen.“

10 Jahre Freiheit

Als sich im Jahre 2006 Natascha Kampusch selber befreien konnte und nur kurze Zeit danach in Fernsehinterview gab, saß auch ich gebannt vor der Glotze und beobachtete jede ihrer Regungen und Worte. Was für eine erstaunliche junge starke Frau! Als dann ihr Buch erschien, war mir klar: das lese ich nicht. Bewußt mir Trigger reinziehen, die Zeiten sind vorbei. Den Film wollte ich demnach natürlich erst recht nicht sehen. Aber als ich in der Bücherei ihr 2.Buch sah. 10 Jahre Freiheit, wußte ich: Das muss mit! Wie geht so eine schwer traumatisierte Frau mit ihrer Vergangenheit um? Da war ich schwer neugierig. Wie geht es ihr jetzt?

Ich las es in 2 Tagen durch. Die Frau ist immer noch sehr klar und gut reflektiert. Oder einfach stumpf und abgespalten? Völlig dissoziiert? Das kann wohl nur ein Profi nach genauer Untersuchung feststellen.

Wer meint, das nach ihrer Gefangenschaft nun alles besser wurde, irrt leider. Unfassbar das noch zweimal (!) der Fall juritisch aufgerollt wurde. Was hieß: Wieder Aussagen, wieder vor Gericht, wieder ständige Belagerung von Journalisten. Dazu viele Verleumdungen, Demütigungen, ja körperliche Angriffe von wildfremden Personen auf offener Straße! Wilde Spekulationen rissen sie immer wieder neu aus der gerade gefundenen Ruhe: Ein Kind hätte sie mit dem Täter! Es war ein ganzer Pornoring daran beteiligt! Sie hat den Täter umgebracht! Es müssen mehrere Täter gewesen sein! Sie hätte ja sooft fliehen können! Und vieles mehr.

Egal was sie tat, es passte nicht: Verkroch sie sich, wurde gemosert sie solle mal was sagen, folgte sie einem Ratschlag und ging auf Partys hieß es: ach so schlimm konnte es doch nicht gewesen sein, gab sie Interviews und veröffentlichte ein Buch hieß es: ach jetzt will sie sich wichtig machen und Kapital aus ihrer Geschichte schlagen. Half sie Kindern und Müttern auf Sri Lanka hieß es: ja hier (in Österreich) leiden auch viele Menschen!

Sie war nicht das Opfer wie man es sich vorstellte: Heulend, verstört, stammelnd, sie versank nicht in Drogen und Alkohol, auch das war wieder nicht „richtig“. Jeder machte sich ein Bild darüber wie sie zu sein hatte!

Alte Weisheit: Man kann es niemandem recht machen. Auch Briefe und Geschenke mit perversen Phantasien erhielt sie, natürlich auch Heiratsangebote, Geld aber eben auch viel Ermutigung und Ermunterung, viel Zuspruch und die besten Wünsche!

Auch ich staunte, als ich damals hörte, dass sie tatsächlich das Haus in dem sie 8,5 Jahre gefangen war nun selber besaß. Ach dachte ich, wer weiß ob es stimmt. Es stimmt und Frau Kampusch erklärt auch warum sie das tat (sie bekam es zugesprochen, sie kaufte es nicht!) und jetzt verstehe ich sie sehr gut.

Sie denkt sehr positiv und ist stark in ihrem Willen. Nur einmal lässt sie duchblicken, das auch sie schlechte Tage hat, sich nicht hinaus traut, von den ganzen Reizen überflutet wird und mit vielem nicht zurecht kommt. Gejammere hört man nicht.

Trotzdem gab es schon auch Stellen wo ich das Buch weglegen musste. Wenn es kurze Rückblenden gab, wie so ein Mann dich psychisch gefangen hält, mit diesen Spielchen, „Späßen“, Drohungen. Einen klein hält, erniedrigt, einen instrumentalisiert. Wenn jeder Schritt überwacht und kontrolliert wird,man völlig fremdbestimmt ist. Wenn man von den anderen isoliert wird: keiner mag dich, schau sie hat dich vergessen, sonst hätten sie dich doch schon gefunden, nur ich bin noch für dich da, bei mir bist du sicher, du bist mein ein und alles, ich tue alles für dein bestes, ich tue doch soviel für dich… usw.

Der Täter musste alles unter Kontrolle halten. Alles war immer super sauber und extrem ordentlich.

Sie beschreibt wie über eine lange Zeit diese Geflecht aus Abhängigkeit, Macht und dessen Mißbrauch entsteht. Dass das durchaus hinter der anständigen Fassade eines normalen Bürgers von statten geht! Egal welcher Schicht!

Ich habe auch so einen Psychopathen gekannt. Mit 16 zog ich zu ihm und auch ich konnte mich nach 1,5 Jahren selber befreien. Es war auch eine heimliche Flucht. Weil ich wußte, das er austickt, weil sein Objekt das er so sehr braucht nicht mehr da ist. Er ist ausgetickt, hat aber seine Aggression nach außen gebracht (ich war in Sicherheit) und leider nicht gegen sich selbst.

Es lief dieselbe Psychomasche, dieselben Spielchen, er hatte denselben Putzfimmel und er vergötterte und hasste gleichzeitig seine Mutter. Ich bin da extrem feinfühlig und hellhörig geworden, wenn jemand nur den Hauch einer Manipulation erkennen lässt, bin ich weg.

Auch in meinem Elternhaus liefen einige dieser Methoden alltäglich ab, von daher war ich ein leichtes Opfer für diesen Mann. Ich kannte es ja schon. Psychische Gewalt und narzisstischer Mißbrauch ist genauso verletzend und schädlich wie jede andere Gewalt auch! Und sie ist alltäglicher, ob zuhause, in der Arbeit, sie ist weit verbreitet.

Frau Kampusch schrieb wie sie ihre innere Identität nicht aufgegeben hat und sich ihren Willen nicht brechen ließ. Ich wünsche ihr, dass das wahr ist. Sie fühlte sich von ihren Eltern geliebt. Auch wenn es nicht die beste Umgebung war in der sie aufwuchs (sozialer Brennpunkt, Überforderung der Eltern, Scheidung, emotionale Kälte ect.) fühlte sie sich wohl in ihrer Persönlichkeit gestärkt.

Ihr Täter war ein Unbekannter auch das ist vielleicht für die Verarbeitung von Vorteil. Bei mir war es massiver Vertrauensbruch.

Sie blickt hauptsächlich nach vorne, sie gibt ihr bestes um ihr Leben voll auszukosten und es so zu leben wie sie es will.

Von Herzen wünsche ich Ihr alles Gute dafür!

1 Film und 1 Buch über Einsamkeit

Herbstzeit ist Medienzeit. Naja für mich ist immer Medienzeit. Heute möchte ich Euch ein Buch und ein Film vorstellen, die mir sehr gefallen haben:

Einmal das Buch: Ich, Eleanor Oliphant

Eleanor Oliphant ist anders als andere Menschen. Auf Äußerlichkeiten legt sie wenig Wert, erledigt seit Jahren klaglos einen einfachen Verwaltungsjob und verbringt ihre Freizeit grundsätzlich allein. Ein Leben ohne soziale Kontakte oder nennenswerte Höhepunkte – Eleanor kennt es nicht anders.

Ich bewundere solche Menschen, denn eigentlich steht mir auch der Sinn danach, nur ein Teil meint und will zuoft das ich doch raus müsse „unter Menschen“, was erleben und ein aufregendes Leben führen. Dabei hab ich schon soviel Aufregung erlebt, dass es für 3 Leben reichen würde.

Ich mag Eleanors Selbstverständlichkeit, da ist kein Zweifel an ihrer Lebensweise, an ihrer Sicht der Dinge. Im Gegenteil sie unterstellt herrlich oft den ihr umgebenden Menschen fehlende Sozialkompetenz, was manchmal wirklich herrlich amüsant ist.

Sie erinnert ein wenig an das Asperger Syndrom und ich kann diese Menschen so gut verstehen. Doch anders als sie, habe ich durch sehr viel Beobachtung und vielen Ausgrenzungen bzw. Schmerzen gelernt „was sich gehört“ und „wie man sich zu verhalten hat“. Aber im Grunde spiele ich das nur, mein wahrer Kern ähnelt eher dem Verhalten von Eleanor: Immer ehrlich und die ganzen sozialen Gepflogenheiten am Arsch vorbeigehend lassen wie einer arroganten, eigenbrötlerischen Katze. Von daher kein Wunder, das ich innerhalb 2 Tagen den über 500 Seiten-Roman regelrecht verschlungen hatte.

Hier kann man (gleich am Anfang) den kurzen Epilog über Einsamkeit lesen. Was ich sehr zutreffend beschrieben finde.

https://books.google.de/books/about/Ich_Eleanor_Oliphant.html?id=yiaADQAAQBAJ&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

Hier noch ein paar Zitate:

Und dann wollte er allen Ernstes mich umarmen! Entsetzt wich ich zurück.“

Klingt als hätte jemand verdammt schlechte Erfahrungen mit dem Weihnachtsmann gemacht… Er hatte ja nicht die leiseste Ahnung, welche verdammt schlechten Erfahrungen ich gemacht hatte, früher mal.“

Nein danke ich möchte mich von Ihnen nicht auf einen Drink einladen lassen, denn dann müßte ich Ihnen im Gegenzug auch eine Runde spendieren, und ich fürchte, ich bin einfach nicht daran interessiert, die auf zwei Getränke entfallene Zeitspanne mit Ihnen zu verbringen.“

Nichts konnte schlimmer sein als das, was ich bereits durchgemacht habe. Das mag anmaßend klingen, ich weiß, ist aber beileibe keine Übertreibung, sondern eine schlichte Feststellung der Tatsachen. Und in gewisser Weise mag es mir sogar Kraft geben.

Das Szenario war mir bestens vertraut: Ich, die allein irgendwo herumstand und den Blick in unergründliche Fernen hielt. (…) Am Anfang hatte ich mich noch angestrengt, hatte mich bemüht dazuzugehören, aber irgendwas schien an mir zu sein, das mich von den anderen ausschloss. Es schien keine Eleanor-förmige Nische zu geben, in die ich gepasst hätte.

Wenn man so sehr von Menschen abgekapselt lebt und so gar nicht mit ihnen warm wird, hat das meist gravierende Ursachen: Auch Eleanor erlebte durch ihre Mutter Sadismus, Vernachlässigung und emotionalen Mißbrauch. Es wird aber nur grob angerissen, so dass es nicht sehr triggernd auf mich wirkte, außer zum Ende hin, als sie in Therapie ist und all ihre Verdrängung nach lässt. Da kommt man schon ins schlucken und eigenen erlebte Verletzungen und Demütigungen fielen mir ein. Nicht nur von meiner Mutter sondern zudem noch von Vater und Schwester. Als hätten sie sich gegen mich verschworen.

Die Protagonistin beschreibt wie ihre Mutter sie immer wieder fertig machte. Und sooft dachte ich beim Lesen: Sag mal spinnst du? Laß dir das nicht mehr gefallen! Du bist 30 Jahre alt!Stehst finanziell auf eigenen Beinen, hast eine eigene Wohnung! Dabei war ich ganz genauso. Immer wieder habe ich mich so nieder machen lassen, beleidigende Geschenke akzeptiert, feinsten Psychoterror ignoriert, mich beschimpfen und abwerten lassen. Und habe es auch erst mich Anfang 30 geschafft endlich nach langem hin und her den Kontakt abzubrechen. Erst zur Mutter (schon mit Mitte 20), dann Schwester, erst zum Schluß und mit am schwersten zu meinem Vater.

Doch wie ich bei meinen teilnehmenden Beobachtungen bald feststellen sollte, beruht sozialer Erfolg immer auch auf kleinen Täuschungsmanövern. Will man beliebt sein und Freunde haben, muss man bisweilen über Dinge lachen, die man ncht witzig findet, Dinge tun, die man nicht tun will oder sich mit Leuten abgeben, die einen im grunde langweilen. Für mich undenkbar. Und so hatte ich mit elf Jahren beschlossen, allein zurecht zu kommen. Wenn nur die Wahl bestand zwischen faulen Kompromissen oder Alleinsein, würde ich eben allein bleiben.

Diese Geradlinigkeit gefällt mir. Ich hab mich noch viel zu lang angebiedert, auf Kontakt gehofft oder mich total verbogen um den anderen doch noch zu gefallen.

Wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander. Was könnte ich bei diesen Worten immer kotzen. Wenn man soviele extrem schlechte Erfahrungen mdurch Menschen erlebt hat, kann man da nur höhnisch lachen: Klar brauch ich all die Verletzungen weiterhin! Im Leben nicht! Am Arsch!

Nur ist die Reaität anders als im Buch: Irgendwann bricht sie durch: Die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Zugehörigkeitsgefühl, nach Anerkennung! Auch Eleanor zuckt zusammen, als man ihren Namen sagt, spürt die angenehme Wärme eines Händedrucks, den sanfte Ausdruck in den Augen des Gegenübers, das erstaunen wie gut es sich anfühlt, wenn sich jemand ernsthaft nach ihr erkundigt…

Es ist ein schönes Buch, eine leise Geschichte mit starker Wirkung! Empfehlenswert.

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Passend zu dieser Themat Isolation/Einsmakeit sah ich den Film: Die Wand.

Lange wollte ich diesen Film nicht sehen, weil ich dachte es geht um ein Bergsteigerdrama. Und solch actionreiche dramatische Filme tu ich mir nicht mehr an, dazu sind meine Nerven zu dünn.

Da er aber nun im Free-TV lief dacht ich mir: Schauste mal, kannst ja jederzeit wieder ausschalten.

Und dann war das so ein toller und stiller Film und es spielt zwar in den Bergen, aber ganz anders als vermutet!

Eine Frau fährt mit Freunden in die Berge auf eine Ferienhütte. Sie wollen jagen gehen, aber auch einfach sich vom Stadtleben erholen. Das Pärchen geht abends noch ins Dorf, kommt aber nicht mehr wieder. Als am nächsten Morgen sich die Hauptprotagonistin (sehr stark: Martina Gedeck!) auf den Weg macht, um die beiden zu suchen, stößt sie gegen eine gläserne Wand. Egal wo sie es probiert, es umgibt sie diese Wand, die undurchdringlich ist. Nur die Hütte und die nähere Umgebung bleiben ihr zum Leben. Und der Hund des Pärchens. Und so richtet es sich diese Frau dort ein. Sichert ihr Überleben mit bäuerlichen Tätigkeiten, baut Nahrungsmittel an, eine Kuh läuft ihr zu. Und so vergehen die Jahreszeiten.

So atmosphätisch, nur mit einer Stimme aus dem Off, sehr klar, oft eindringlich immer warm gesprochen. Tolle Naturaufnahmen und trotz der Schwere der Thematik doch irgendwie ruhig und friedlich. Ich fand ihn fast schon entspannend, während ein Freund den Film eher belastend empfand.

Die Autorin Haushofer des ursprünglichen Romans, selber ein ungeliebtes Kind, die Eltern gaben sie früh ins Internat.

Ein sensibles Kind, ein begabtes Kind, fantsasievoll und kreativ. Aber sein Dasein wird von klein auf überschattet von der Ablehnung, die es durch seine eigene Mutter erfährt.
Man empfindet den tiefen Schmerz des dauernd Missverstandenwerdens, wie es Kindern leider so oft widerfährt. Die kleine Meta darf nicht sein, wie sie ist, weil sie dann nicht geliebt wird.

Das so munkeln einige wird auch in dem Film Die Wand mit verarbeitet. Sozusagen autobiografische Züge.

Ich kenne diese Wand auch. Wie oft saß ich auf Kindergeburtstagen, in Kneipen…und fühlte mich so fern. So fremd.

Auch meine Mutter ist beziehungsgestört, kann keine wirkliche emotionale Nähe aufbauen. Immer wieder bin ich gegen diese gläserne Wand gelaufen, um mich schlußendlich verletzt und resigniert zurückzuziehen.

Klar hab ich Kontakte zu Menschen, auch nähere Beziehungen aber überall ist die Wand. Bei meiner Therapeutin nicht immer.

Während einer Liebesbeziehung fand ich mal das Gedicht: Einsam ist man sehr alleine, doch am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit. Es hat mich umgehauen! Da fühlte noch so jemand wie ich! Als ich es meinem damaligen Partner vorlas verstand er nicht was damit gemeint sei. Nun, er war Alkoholiker, wie meine Mutter.

Eine innere Emigration werde dargestellt, heißt es von dem Film. Eine Metapher für die Einsamkeit des Menschen und seiner Gefangenschaft im Ich. Isoliert.

In einer schlimmen depressiven Phase, in der ich keinen Zugang nach außen fand, ließ ich mir einen Stacheldraht tätowieren. Um den Fußknöchel herum.

Oft hatte ich aber auch eine Sehnsucht nach diesem Alleinsein, um der Gefahr Mensch aus dem Weg zu gehen. Wie oft flüchtete ich in die Phantasie irgendwo in schöner Natur eine kleine Hütte nur für mich! Auch deswegen gefiel mir der Film so gut.

Doch der Wunsch nach Kontakt bleibt. Die Angst davor auch.

das erschöpfte Selbst

Untertitel: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart.

Die wachsende Ausbreitung von Depressionen, der steigende Konsum von Antidepressiva und die Zunahme der Alkoholabhängigkeit sind für Alain Ehrenberg Reaktionen auf die allgegenwärtige Erwartung von eigenverantwortlicher, authentischer Selbstverwirklichung.

…so ist die Depression die Kehrseite einer kapitalistischen Gesellschaft, die das authentische Selbst zur Produktivkraft macht und es dann bis zur Erschöpfung fordert. Ehrenberg untersucht in einer erhellenden Kombination von Psychiatriegschichte und Zivilisationsdiagnose, welchen psychischen Preis die Individuen für diese Verkehrung heute zu zahlen haben.

Der Titel hatte mich schon lange angesprochen, jetzt kaufte ich mir das Buch. Ja es war teilweise sehr schwer zu lesen, einfach weil ich mich derzeit schlecht konzentrieren kann und teilweise weil es sehr kompliziert und verschachtelt und akademisch abgehoben geschrieben ist. Naja am Institut für Sozialforschung darf man das auch.

Deswegen schreibe ich hier nur ein paar Zitate auf, die mich sehr angesprochen haben.

S.4: Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müsen.

( Was das Selbst ist, wird dann später noch genauer erforscht und erklärt).

S.13: Die Depression ist nicht die Krankheit des Unglücks, sondern die Krankheit des Wechsels, die Krankheit einer Persönlichkeit, die versucht, nur sie selbst zu sein. Die innere Unsicherheit ist der Preis für diese Befreiung.

Er beschreibt das „zirkuläre Irresein“ also das manisch-depressive. Ich finde den Ausdruck irgendwie passender. Ich kenne das von mir in abgemilderter Form: es gibt Wochen ja Monate da bin ich fit und arbeite und unternehme viel und dann wieder die wochenlange bleischwere Müdigkeit, die absolute Unlust, die fehlende Freude und keine Interessen. Ein dahinvegetieren.

S.33: Der Psychiater Jules Seglas (1856-1939) definiert den Kern, der die Depression in den 1940ern Jahren ausmachen wird: In der Melancholie „ohne Wahn oder mit Bewußtsein“, sagt er in einer Lektion 1894, beschränkt sich das Leiden auf ein Ohnmachtsgefühl. Dieser seelische Schmerz, diese schmerzhafte Depression ist das offenkundigste Symptom der Melancholie, ich würde sogar sagen, das charakteristischste.

S. 79: Der Begriff der Depression impliziert Verlust, Herabsetzung oder Fall. Die Depression hat ein bestimmtes Ziel: Die Selbstachtung. Der Depressive reagiert auf Enttäuschungen mit Vorwürfen gegen sich selbst und andere. Nun ist die Selbstachtung für die Psychoanalytiker mit einer besonderen Schmerzlichkeit verbunden. (..) sondern eine Reaktion auf den Objektverlust. Dieser Schmerz, den er narzisstisch nennt, wirkt sozusagen entleerend auf das Ich (Freud).

(Für mich trifft diese These leider sehr zu. Schwere lange depressive Phasen hatte/habe ich immer nach einem Verlust: Jobkündigung, Beziehungsabbrüche usw. mir wäre es auch lieber und einfacher wenn es „nur“ ein Serotoninmangelsyndrom oder so etwas wäre. Auch darauf wird später in dem Buch eingegangen. Es gibt viele unterschiedliche Depressionsarten! So unterschiedlich sind dann auch die Behandlungen. Auch der Elektroschock wird im Buch thematisiert.)

Ich kann mich dem Schicksal nicht länger unterwerfen. Was ich möchte, diese Kleinigkeit, nicht gut zu sein, wie es unsere Tradition versteht, sondern meinen Weg zu gehen. Aber wie? Was habe ich zu bieten? Diese Angst verzehrt mich.“ Aus dem Buch: A bend in the river. Naipaul 1979

S.120: Die „depressive Persönlichkeit“ ist unfähig, ihre Konflikte auszutragen, sie sich zu vergegenwärtigen. Sie fühlt sich leer, zerbrechlich und kann Frustrationen nur schwer ertragen. Daher rührt ihre Neigung, Abhängigkeitsverhalten zu entwickeln und nach immer neuen Reizen zu suchen. Psychoanalytisch sagt man (…) der sogenannten Spaltung angehört. Ein Gefühl der Unzulänglichkeit beherrscht die Person.

Das mit den Frustationen ist bei mir sehr schlimm. Das kleinste Fitzel das nicht funktioniert und ich bekomm sofort Schweißausbruch und Zittrigkeit. Eine Schraube an der falschen Stelle eingedreht und ich könnt vom Balkon springen. Das ist nicht nur Ungeduld, das ist Ungeduld hoch 10 und nervt mich selbst sehr.

Und das mit den neuen Reizen: OHJA! Ständige Umzüge, neue Jobs, neue Projekte, neue Frisur, je ausgefallener und schräger desto besser. Früher lief ich nur in bunten Hosen mit auffallendem Muster herum. Meine Normalitätsneurose blüht ordentlich. Wehe dem es ist nix Neues in Aussicht: Gähnende Leere. Müdigkeit. Extreme Lustlosigkeit. Sehr schlechte Laune. Der Alltag ödet mich schrecklich an.

Bezüglich Abhängigkeitsverhalten erinnert mich der Absatz an ein Buch das von der weiblichen Depression handelte. Das diese anders sei. Da gehe es mehr um fehlende Kontakte, Beziehungen. Wenn kein Du da ist. Ist jemand da reagiert man schnell Coabhängig, klammert, gibt sich selbst auf um den anderen nicht zu verlieren. Geht das Gegenüber doch, kommt die Depression (siehe Verlust weiter oben).

Dazu passt auch:

S. 150:

Die depressive Persönlichkeit verharrt in einem Zustand der permanenten Adoleszenz, es gelingt ihr nicht erwachsen zu werden und die Frustationen, die das Geschick eines jeden Lebens sind, zu akzeptieren. Daraus resultiert das ständige Gefühl der Unsicherheit, der Labilität.

Seufz. Ja. Meine jüngeren inneren Anteile haben ganz schön Macht. In der souveränen Erwachsenen bin ich leider zzu selten. Die Arbeit mit inneren Anteilen tut mir aber immer sehr gut und das Buch ERWACHSEN hilft mir manchmal dabei.

Der Autor beschreibt weiter wie diese Frustationsintoleranz weiter zu Drogensucht, Alkoholismus, Selbstmordgedanken , Impulshandlungen und Gewalt führt.

S. 209: Der Sieg des Defizitmodells manifestiert sich in der Annahme, die Person sei das Objekt ihrer Krankheit , sie sei daran nicht beteiiligt, sondern Opfer eines Prozesses. Die Depression wird so zu einer normalen Krankheit.

Autonomie, Selbstständigkeit und Verantwortung sind die Schlagworte, die den Menschen der modernen Gesellschaft vor die schwierige und ermüdende Aufgabe stellen, um jeden Preis er selbst zu sein.

S. 218: Der Depressive ist alt, bevor er das Alter erreicht hat.

Jaaaaaaaa. Ich fühl mich so unfassbar alt. Und schwach. Und schlapp.

Leider schlechte Nachrichten:

Die Depression ist unheilbar. „Einen Patienten als von der Depression geheilt zu erklären, bedeutet, ihn als von einer depressiven Episode geheilt zu erklären, und nicht von der Krankheit selbst.“

Die meisten Patienten finden ihr früheres Gleichgewicht nicht wieder, eine Minderheit wird partiell geheilt und eine große Mehrheit erlebt Rückfälle oder die Depression wird chronisch.

Das ist auch mein Eindruck. Nicht nur bei mir, sondern bei sehr vielen anderen Leuten die ich kennengelernt habe. Mich ließ der Satz von Ärtzen: „Depressionen sind heute gut mit Medikamenten und Psychotherapie behandelbar!“ müde lächeln. Behandeln kann ich viel, bringt auch gutes Geld, aber bringts auch Heilung/Besserung? Lebenslange Behandlung, na dankeschön auch.

S. 242: Die Antidepressiva reduzieren mehr oder weniger die Unsicherheit einer Person, die sich chronisch für unzulänglich hält.

Der Autor beschreibt weiter, wie sich mit der Zeit der Begriff der Depression wandelt. Um welche Symptome geht es genau? Eventuell sogar nur um reines Wohlbefinden? Er erläutert wie in jüngster Vergangenheit Medikamente gerne als Drogen missbraucht werden, um in der immer weiter wachsenden Leistungsgesellschaft noch mithalten zu können.

Stichwort von mir: Biohacking. Wird immer populärer.

S. 249: Unsere normative Überzeugung, wie eine Person zu sein hat, um als echte Person betrachtet zu werden, wurde dabei erschüttert.

Irgendwo: Depression ist Autoaggression. Klar sehr gut erkennbar am Selbstmord.

Deine Würde entscheidet!

Untertitel: Finde den inneren Kompass für ein gutes Leben

Autoren: Gabriele Frick-Baer und ihr Mann Udo Bear (die zwei kenn ich schon von dem kleinen Büchlein: Vom Sich-fremd-Sein zum In-sich-Wohnen. Sie schreiben sehr gut verständlich und herzlich. Man fühlt sich angenommen.)

Es geht um Würde. Diesem Wort das man kaum mehr im Alltag hört. Es ist überall von Selbstliebe die Rede! Tue dir was gutes! Achte dich! Aber so ganz ist es damit nicht getroffen was mit Würde gemeint ist. Der Selbstwert, welchen Wert gebe ich mir, spielt auch mit rein.

Sich und seine Gefühle und Bedürfnisse achten, würdigen, respektieren. Gelingt leichter, wenn die eigenen Gefühle und Bedürfnisse auch früher von anderen schon gewürdigt wurden und auch werden.

Überall wo Ärger aufkommt, fühlt man sich respektlos behandelt. Das Würde-Ich rebelliert! Das Würde-Ich kann verschüttet werden durch zuviele schlecht Erfahrungen. Erfahrungen in denen man verletzt, gedemütigt, ausgelacht, nicht Ernst genommen wurde.

Das Würde-ich muss man stärken: sich abgrenzen, sich wehren, für sich einstehen. Da muss man sich fragen. Was ist unter meiner Würde? Was empfinde ich als würdelos?

Rebellische Figuren in Literatur, Film, aber auch im wirklichen Leben haben mir immer imponiert: Sie verteidigen mit Zähnen und Klauen ihre Würde!

Im asiatischen Raum heißt es: das Gesicht verlieren. Würde hat auch mit Scham zu tun. Beschämt werden. Vor Scham hält man sich beide Hände vors Gesicht. Man will es nicht verlieren.

Würde hat mit sich aufrichten zu tun. Aufrichtig sein, sich und anderen Gegenüber. Ich habe auch meinen Stolz, sagt jemand und hebt seinen Kopf noch ein Stückchen höher.

Die Würde ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz. Hat ein Zelt voller Flüchtlinge ohne jegliche Privatsphäre was mit Würde zu tun? Oder ein 1-Euro-Job? Oder eine Rentnerin die Kinder groß zog, die Eltern pflegte und arbeiten ging und trotzdem nicht von ihrer Rente leben kann. Ist das würdevoll?

Kleine Randbemerkung: Eine Kabarettistin meinte letztens: Die Würde des Mannes ist unten tastbar. Nunja. Ich sag da mal jetzt nix dazu.

Herr ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach. Kotz. Ach die hoheitsvollen Würdenträger. Is klar.

Als ehemalige Se+arbeiterin weiß ich, dass man spätestens da seine Würde abgibt, wenn man denkt: ach komm, is doch viel Geld.

Als Haushaltshilfe reagiere ich extrem empfindsam wenn mir jemand bei dem ich arbeiten soll nicht respektvoll gegenübertritt und meine Arbeit nicht würdigt. Da bin ich schneller weg als er Reinigungsmittel sagen kann. Diese herablassende Haltung, von oben nach unten schauen kann ich nicht mehr ertragen.

Sich Respekt verschaffen. Ich habe das nie gelernt. Ich musste klein und brav und lieb sein. Mal auf den Tisch hauen, Türe knallend die Person und den Raum verlassen, selber zahlen, selber entscheiden, ein Geschenk zurück geben, nicht hinterher laufen, dem anderen seine Würde mal angreifen, standhaft bleiben, zeigen: mit mir nicht!

Eigensinnig sein heißt nichts anderes als einen Sinn fürs Eigene zu haben. Auch das durfte ich nicht haben: etwas eigenens, denn dann ist man einfacher zu manipulieren, zu unterdrücken. Ich war sehr eigensinnig. Bockig hieß das bei uns und man bestrafte mich mit Ausgrenzung, Nichtbeachtung, Liebesentzug.

Traumatisierungen (egal ob psychisch oder physisch) durch nahe Bezugspersonen zerstören den Selbstwert, das Würde-Ich, das Gefühl, dass man Respekt und Achtung verdient.

Ich war leider sehr lange sehr loyal gegenüber Personen die mich niederträchtig behandelt haben. Was mich zum Teil gesunden ließ und lässt ist, mir solche Situationen ins Bewußtsein zu rufen und in Gedanken NEU/ANDERS zu handeln. Damit ich in Zukunft schneller anders handel und mich nicht mehr so verletzen lasse, mich aber auch selbst nicht mehr verletze. Ja auch Rache hat was damit zu tun, seine Würde zu erhalten!

In dem Buch geht es sehr viel um Würdeverletzungen, es hat mich oft sehr aufgewühlt und angetriggert. Aber auch klar gemacht, dass das Würdegefühl ein wichtiger Kompass in meinem Leben sein muss, den ich weiter ausbauen möchte, ja fast muss!

Was ist die Konsequenz?

Fragen die mir so durch den Kopf geistern: Kann ich mich überhaupt noch richtig verlieben? Oder bin ich zu sehr geschädigt. Kenn ich die Menschen inzwischen zu gut? Habe ich eine Art Unschuld verloren ? Werde ich keinen Partner mehr finden, weil ich nur verantwortlungslose Männer finde und anziehend finde und ich in die Coabhängigkeit falle und mich wieder selbstvergesse? Weil ich nicht nur verantwortungslose Männer sondern auch manipulative, ausbeuterische, narzisstische Männer anziehend finde, die mich nur für ihr Wohlergehen benutzen…?!

Sollte ich das mit den Männern lassen und mich auf Frauen konzentrieren (nicht im erotischen Sinne). Mir gibt die Beschäftigung mit starken Frauen, mit Emanzipation, mit Gleichberechtigung sehr viel Kraft und Freude. Ist das mein Weg?

Trauer kommt hoch, ich will auch jemand zum anlehnen haben, der auch für mich da ist….

Eigentlich wollte ich heute mit N. essen gehen und danach in einen Club in dem eine besondere Party stattfindet, die es nur 2x im Jahr gibt. Ich bin aber völlig erschlagen, der Wetterwechsel, die viele Action unter der Woche…usw. Ich sage den Club ab, N. meint wir können auch das essen verschieben. Er reagiert lieb. Ich hatte mich so auf den Abend gefreut. Das N. auch diese Musik mag ist erstaunlich (er sprach es als erster an). Auch da Trauer. Trauer auch, dass als ich das letzte Mal auf dieser Party war, es mit D. endgültig auseinander ging. In der Nacht noch. Ging er. Wortlos. Auch das kommt natürlich wieder hoch.

Ich brauch Ruhe. Mich sortieren. Welt aussperren. Deswegen esse ich jetzt eine Kleinigkeit (mehr geht eh nicht) döse weiter, lese weiter…in einem tollen weiteren Frauenbuch (mit 500 Seiten JUCHU) . Dieses Buch und das letzte handelten von und über Frauen um die 50. Lebensmitte, 2.Lebenshälfte, neue Kräfte…egal, es tut mir unbeschreiblich gut.

Rapunzel´s Turm

(K)PTBS für Anfänger, Fortgeschrittene und Angehörige

TRAUMALEBEN

Leben mit Entwicklungstrauma / komplexer PTBS & Traumafolgestörungen

Al-Anon Blog

Deutschsprachige Beiträge und Informationen zu Al-Anon

minchen‘s blog 

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Hanni hat Heimweh

Auf der Suche nach Ruhe und Sicherheit, aber leider nur stark im Auffinden von Chaos und Gespenstern.

Sick Girl

Depression

Herzensgrenze

Überleben als Introvertierte mit dem Wrong-Planet-Syndrom

Hochsensibel und Multipassioniert

Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. Antoine de Saint-Exupéry

Eine Art Tagebuch

Amat victoria curam