Warum der Ausstieg so schwierig ist Teil 2

Der Absatz von Frau Mau beinhaltet vieles was mich auch betrifft.  Zum Beispiel die schlechte Selbstfürsorge, die hatte ich schon immer. Leider. Viel zu dünn angezogen, nicht merken, dass man auf Toilette muss, bis hin zu verfilzten Haaren (in meiner schlimmsten Zeit) von ärztllichen Vorsorgeuntersuchungen will ich gar nicht reden.

Ich wurde so „erzogen“, dass ich für die Bedürfnisse meiner Familie zuständig war. Sie brauchten mich für sich (z.B. um ihren eigenen niedrigen Selbstwert zu erhöhen). Kurz dazu: gestern telefonierte ich mit einer Bekannten und erzählte ihr wie froh ich sei, endlich eine neue Arbeitsstelle gefunden zu haben. Sie meinte: „ja gell, ist ein schönes Gefühl wieder gebraucht zu werden!“ Nein finde ich nicht. Da stellen sich mir die Haare auf. Ich wurde mein ganzes Leben nur „gebraucht“, davon habe ich die Schnauze voll!

Ich hatte also dafür zu sorgen, dass der Bedürfnis-und Gefühlshaushalt meiner Eltern und Schwester im Lot war. Ich als eigenständige Person zählte nicht. Das ist psychische Gewalt. Narzisstischer Mißbrauch! Was ich wollte interessierte keinen, wurde schlecht und lächerlich gemacht oder einfach ignoriert.

Und so ging das immer weiter, ich erfühlte die Bedürfnisse der anderen und erfüllte sie im vorauseilenden Gehorsam ganz unterwürfig. Ich fühlte mich für die anderen Menschen verantwortlich. Das ist Coabhängigkeit in Reinform.

Mich vergaß ich. Mich gab es kaum. Meine Wünsche, Gefühle, Bedürfnisse durfte es nie geben, also beschäftigte ich mich damit auch nicht weiter. Und lebte als Hülle mehr schlecht als recht.

Dann  wurde ich sehr krank und spürte, dass ich mich so nicht länger benutzen lassen möchte und brach vollständig den Kontakt zu meiner Familie ab (es war natürlich ein langer Weg, das würde hier zu weit führen). Erst vor kurzem wurde mir klar, dass ich im selben Jahr, als ich den Kontakt abbrach (und Telnr/Mailadresse ect. wechselte) ich auch anfing mich mit fremden Männern zu treffen. Nun war ich wieder für die Bedürfnisse der anderen zuständig. Ich war es ja gewohnt. Das kannte und konnte ich sehr gut!

Und so führte ich die Verleugnung meiner Gefühle und Bedürfnisse fort und setzte an erster Stelle wieder die Anderen….

Warum der Ausstieg so schwierig ist Teil 1

Ich schreibe seit einiger Zeit mit einer Frau über meine Zeit und den Ausstieg aus der Se*arbeit. Offen mit jemanden darüber zu reden fällt mir nicht leicht. In meinem Umfeld weiß nur ein Mann (klar ehemaliger Kunde) von meinem Doppelleben. Aber ich merke ich muss darüber reden/schreiben, sonst platze ich.

Diese Frau ist Ärztin und hatte noch keine Berührung mit diesem Milieu. Daher ist sie recht offen und auch unvoreingenommen. Das sie das alles nicht so kennt, stellt sie natürlich auch Fragen. Diese helffen mir, mich in Ruhe (deswegen per Mail) damit auseinander zu setzen und ehrlich mir selbst gegenüber zu werden.

Eine der Fragen lautet natürlich: „warum fällt es Dir so schwer damit aufzuhören?“

Das ist sehr komplex und braucht mehrere Teile zur Antwort. Im Netz fand ich die sehr interessante Seite von Frau Mau und einen sehr passenden Absatz davon habe ich mal reinkopiert:

https://huschkemau.de/2017/06/15/warum-ist-der-ausstieg-aus-der-prostitution-so-schwer/

Überhaupt: das Trauma. Die meisten Prostituierten leiden an Posttraumatischer Belastungsstörung in der Qualität derer von Folteropfern. Sie leiden an Angststörungen, an fehlendem Selbstbewusstsein, an Zwängen – z.B. an Waschzwängen oder an der zwanghaften Wiederholung sinnloser Rituale, die vermeintlich Sicherheit schaffen sollen. (Ich muss dauernd auf Holz klopfen, wenn ich angstbesetzte Gedanken habe. Und die habe ich oft. Kann ich das nicht tun, folgt eine Panikattacke. Ich weiss, wie bescheuert das für Außenstehende ausschaut und dass es am Ende sinnlos ist, aber ich kann nicht anders.)

Als ich vom Bordell zum Escort wechselte, war ich nicht mehr gewöhnt, am Tag rauszugehen. Ich konnte das Tageslicht nicht aushalten. Und all die vielen Leute nicht. Wem täglich und stündlich die Grenzen verletzt wurden, der kann sich mitunter nicht mehr in der Nähe von Menschen aufhalten, weil das innere Alarmsystem ständig signalisiert: „Das ist ein Mann, Gefahr!“ Davon, wie es ist, „draußen“ zu sein und getriggert zu werden und Flashbacks zu haben, will ich an dieser Stelle gar nicht reden. Albträume und andere Schlafstörungen machen müde. Es ist fast unmöglich, die Fassade aufrecht zu erhalten und in ein „normales Leben“ zu wechseln. Man fühlt sich zudem „anders“ als die Anderen, minderwertiger, verletzter. Kaputt. Menschen sind einem unheimlich, die „normalen“ Menschen erst recht, denn sie führen einem vor Augen, wie man nicht mehr ist: ohne Sorgen, ohne Verletzungen, ohne Ängste. Ganz. Nett. Gut drauf. – Um die Prostitution zu ertragen, muss man sich vom eigenen Körper abspalten (Dissoziation). Das Problem ist, man kann danach eben nicht einfach wieder reinschlüpfen. Der Körper bleibt ohne Kontakt zur Seele, zur Psyche. Man fühlt sich einfach nicht mehr. Ich hab mehrere Jahre gebraucht um zu lernen, dass das, was ich manchmal fühle, Hunger ist. Und das man dann was essen sollte. Oder dass das, was ich gerade empfinde, zeigt dass ich friere. Und dass man sich dann wärmer anzieht. Es ist mühsam zu lernen oder wieder zu lernen, dass der Körper Bedürfnisse hat, ihn zu fühlen, und noch mühsamer, sich in „selfcare“ zu üben. Nicht mehr so scheisse mit sich selbst umzugehen. Sondern zu schlafen, wenn man müde ist – weil man nicht in einem 24 Stunden Bordell hockt und den nächsten Freier machen muss. Dass man nicht mehr frieren muss – weil man nimmer am Straßenstrich steht bei Minustemperaturen. Dass man Situationen, die Schmerzen verursachen, ändern kann, statt den Schmerz wegzumachen – mittels Dissoziation, Drogen oder Alkohol. – Aber so leicht entlässt das Trauma einen nicht: denn man gewöhnt sich dran. Das Phänomen nennt sich „trauma bonding“: und das ist auch der Grund dafür, warum Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden immer wieder zurückgehen. Traumatische Situationen können abhängig machen, denn es wird dabei viel Adrenalin ausgeschüttet – und das macht süchtig. Zudem ist für Menschen, die so viel Gewalt erlebt haben wie sie in der Prostitution stattfindet, eine Gewaltsituation etwas, was sie kennen. Ich habe von klein auf erlebt: da, wo ich Angst habe, wo mir Schmerzen zugefügt werden, wo ich abgewertet werde, da gehöre ich hin. Das ist Zuhause. Deswegen habe ich bis heute damit zu kämpfen, mich in Situationen die mich gefährden dagegen zu entscheiden und wegzugehen. Sie sind scheisse, aber sie sind mir bekannt und vertraut. Situationen, in denen Menschen nett zu mir sind, nicht schreien, nicht schlagen, nicht missbrauchen, sind mir unheimlich. Ich fühle mich prompt minderwertig. Meine Seele signalisiert: „Hier stimmt was nicht. Das ist fremd.“ Prostitution ist wie selbstverletzendes Verhalten. Nein, Prostitution IST selbstverletzendes Verhalten.

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